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Germanisierung
(→ Vertrag von Saint-Germain). Der Landesverweser
Arthur Lemisch definierte bereits am 25. Oktober
1920 in einem Beitrag in der Kärntner Landsmannschaft,
wenige Tage nach der → Volksabstimmung und den
leeren Versprechungen der → Volksabstimmungspro-
paganda, die Assimilierung der Slowenen, d. h. die G.
des Landes als Landesideologie und als Aufgabe, für
die eine Generation, ein Menschenalter Zeit sei, und
bekräftigte dies in einer Rede im Kärntner Landtag
am 25. November 1920. Nach Hösler betrieb etwa
der Verein Südmark eine aktive Besiedlungspolitik
(sprich Kolonisierungspolitik), für das er ein Viertel
seiner Gesamtausgaben aufgewendet habe. Mit dem
Ziel, zunächst eine ethnisch deutsche Landbrücke zwi-
schen Šentilj und →
Maribor zu schaffen sowie später
einen Zugang zur Adria (wozu auch wirtschaftspoli-
tische und Infrastrukturmaßnahmen wie der Bau der
Südbahn durchaus insturmentalisiert wurden). Die ver-
fassungswidrigen Diskriminierungen und Menschen-
rechtsverletzungen durch staatliche Einrichtungen
wurden somit wirtschaftlich flankiert (→ Glas pravice,
→ Internierungen 1919, → Vertreibung 1920). Slowe-
nen wurden vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen (→ As-
similationszwang), slowenische Gehöfte wurden plan-
mäßig in Konkurs getrieben bzw. auf solchen Gehöften
planmäßig deutsche Ansiedler angeworben. (Höslers
Analysen oben können durchaus analog für Kärnten/
Koroška angewendet werden. Wadl bestätigt dies an
Beispielen in seiner Gemeindechronik von Magdalens-
berg/Štalenska gora am → Klagenfurter Feld/Celovško
polje, so etwa : »Wie viele andere Gutsbetriebe in der
engeren Umgebung von Klagenfurt wurde auch der
Farchenhof in der Wirtschaftskrise der frühen dreißi-
ger Jahre von einem Reichsdeutschen […] erworben«
[S. 151]. Wadl führt als diesbezügliches Beispiel in
seiner Gemeindechronik auch den Gutshof/Schloss
Freudenberg/Frajnperk an, geht jedoch diesbezüglich
auf andere ähnlich gelagerte Fälle nicht ein. Vgl. auch
→ Emigration). Dabei brachten diese deutschsprachi-
gen Zusiedler in der Vorkriegszeit und während des
Krieges, unabhängig ihres individuell zu bestimmen-
den aktiven politischen deutschnationalen Sendungs-
bewusstseins, in vielen Fällen de facto die deutsche
Sprache erstmals in zahlreiche Orte in → Südkärnten/
Južna Koroška, wo bis dahin das Deutsche noch keines-
wegs → Lingua franca gewesen war. Der Maler Werner
Berg wird als ein (seltenes) Vorbild für dessen Inte-
gration in die slowenische Gesellschaft im → Jauntal/
Podjuna dargestellt. Diese als neuzeitliche, ethnopolitisch motivierte
Kolonisierung zu wertende und nach Grafenauer
»ethnozidäre« Politik führte in slowenischen Orten
durch gesellschaftliche, psychosoziale und wirtschaft-
liche Zwänge zur Assimilierung slowenischer Bevöl-
kerungsteile (G. im eigentlichen Sinn, da sie in ihrer
oben beschriebenen Planmäßigkeit die individuelle
Niederlassungsfreiheit überstieg). Die systematische
Verfolgung der Slowenen gipfelte im Nazi-Terrorre-
gime. Auf der Grundlage eines ideologisch und pseu-
dowissenschaftlich begründeten Rassenwahns, wie
er im → »Generalplan Ost« methodisch verwirklicht
werden sollte, wurden zunächst 1838/39 → »ethni-
sche Säuberungen« in den Reihen der Kirche vorge-
nommen und zahlreiche slowenische Priester entweder
zwangsweise nach Nordkärnten versetzt oder in KZs
verschleppt (→ Verfolgung slowenische Priester ab
1938 in Kärnten/Koroška). Dem folgten systematische,
auf das gesamte slowenische Sprachgebiet in Kärnten/
Koroška verteilte → Deportationen 1942. Durch die
gesellschaftliche Umkehr der Täter-Opfer-Rollen nach
1945 kam es kollektiven Erscheinungsformen post-
traumatischer Belastungsstörungen bei den Kärntner
Slowenen und zu deren massiver → Assimilation, was
zur G. ganzer Landstriche führte (→ Sprachenzählung,
→ Umgangssprache).
In der Historiografie wird, nach Grafenauer
(1984), mit der Rückverlegung der Resultate der Po-
litik der aktiven G. des 20. Jh.s in die graue Vergan-
genheit gleichsam die Verantwortung dafür abgelegt
(→ »Entethnisierung« ; → Geschichtsschreibung und
kognitive Dissonanz ; → Minderheit). Die statistische
→ Germanisierung wiederum ist ein rechtspolitisches
Instrument der nachhaltigen G.
Quellen : O. Gutsmann : Windische Sprachlehre. Klagenfurt 1777,
61829 ; Naseljenost Slovencev in narodnostno razmerje na koroškem
(slov. uradno ljudsko štetje leta 1910.). (Karte. Nachdruck) : Izdala :
Založba Amalietti & Amalietti, d.n.o. Ljubljana, marca 2006 (=
Karte,
NUK, Inv.-Nr./.282-4-72) ; Narodnostna karta Koroške – Lastno štetje
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Koroškem po cerkvenem šematizmu leta 1917/18 (Karte, NUK, Inv.-
Nr./.282-4-10).
Lit./Web : ES (B. Grafenauer : Germanizacija). – Ante Beg : Narodni
kataster Koroške. V Ljubljani, dne 2. julija 1910, 60 ff. (http://www.si-
story.si/SISTORY :ID :27172) ; M. Kos : Zgodovina Slovencev od na-
selitve do reformacije. Ljubljana 1933 ; B. Grafenauer : Germanizacija
treh Avstrij. In : B. Grafenauer, L. Ude, M. Veselko : Koroški zbor-
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Koroškem od srede 19. stoletja do danes. In : B. Grafenauer, L. Ude, M.
Veselko : Koroški zbornik. Ljubljana založba Slovenije, 1946, 117–
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55