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Germanisierung, statistische
wobei dabei der überwiegende Charakter der Ortschaft
ermessen wurde. In den Jahren 1880, 1890, 1900 und
1910 wurde die Umgangssprache festgestellt. Aus der
vergleichenden Analyse der Volkszählungsergebnisse
hinsichtlich der Umgangssprache ergibt sich, dass ei-
nerseits die Gesamtzahl der Bevölkerung → Südkärn-
tens von 88.388 im Jahr 1880 auf 90.903 im Jahr 1910
wuchs, dass aber dieses Wachstum vor allem auf den
Anstieg der deutschsprachigen Bevölkerung zurück-
zuführen war, die um das Zweieinhalbfache stieg (von
12.750 im Jahr 1880 auf 33.036 im Jahr 1910), wäh-
rend der slowenischsprachige Bevölkerungsanteil im
selben Zeitraum um ein Viertel, und zwar von 75.579
im Jahr 1880 auf 57.816 im Jahr 1910, zurückgegan-
gen war. Nach den Angaben der Zählung von Czo-
ernig hatte das damalige Kronland Kärnten/Koroška
(einschließlich des →
Val Canale/Kanaltal/Kanalska
dolina, von Jezersko [Seeland] und der → Mežiška
dolina [Mießtal]) 318.577 Einwohner, davon wa-
ren 22.033 (70,01 %) deutschsprachig und 95.544
(29,99 %) slowenischsprachig. Nach den Berechnun-
gen von Bogo → Grafenauer hatte das Gebiet
des sog. »Slowenisch-Kärntens« (Slovenska Koroška),
das ziemlich genau dem Gebiet des zweisprachigen
Schulwesens entsprach (wie es später in der Schul-
verordnung 1945 definiert wurde), 115.472 Einwoh-
ner. Davon waren slowenischsprachig 56.799 Perso-
nen (49,19 %), slowenisch-deutsch-krainisch-sprachig
13.469 (11,66 %), slowenisch-deutschsprachig 14.524
(12,58 %), deutsch-
slowenisch-sprachig 21.456
(18,58 %) sowie deutschsprachig 9.224 (7,99 %). An-
ders ausgedrückt : Slowenisch als Umgangssprache
wurde in einer der erwähnten Kategorien von 92,01 %
der Gesamtbevölkerung des erwähnten Gebietes ange-
geben.
Im Hinblick auf die Überlegungen des amerika-
nischen Historikers Pieter M. Judson waren die
erwähnten Volkszählungen bei der Erstellung des
Konzeptes der Sprachgrenzen als Grenzen zwischen
verschiedenen Völkern hilfreich, denn sie ermöglichten
den nationalistischen Aktivisten zum ersten Mal, ver-
schwörerisch ihrer vorgeblichen demografischen Stärke
bzw. ihrer Schwäche im geografischen Sinn Geltung zu
verschaffen. Wenn eine Sprache (oder ein Volk) Vor-
teile auf Kosten einer anderen erlangt hatte, konnte
man feststellen, wo dies geschehen war. Dies ermög-
lichte nationalistischen Organisationen, den »Kampf-
platz« genau auszuwählen. Als es 1900 zur dritten
Zählung in der Reihe der Volkszählungen kam, waren Volkszählungen eine Gelegenheit für nationalistische
Propaganda auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Die
nationalistischen Aktivisten spornten ihre Anhänger
an, sich möglichst vieler Bereiche zu bemächtigen und
möglichst viele Menschen für ihre Sprache zu gewin-
nen. Viel Aufmerksamkeit schenkte man den Betrugs-
fällen oder Fällen gesetzwidrigen gegnerischen Drucks
auf die der Volkszählung unterworfenen Personen.
Solche große Veränderungen der sprachlichen bzw.
ethnischen Struktur der Bevölkerung Südkärntens sind
freilich nicht nur die Folge natürlicher Bevölkerungs-
bewegungen und massenhaften Zuzugs deutschspra-
chiger Bevölkerung. Darauf wies in den Kommenta-
ren zum Volkszählungsergebnis von 1910 auch Franz
Hiess hin, der spätere Leiter des Bundesamtes für
Statistik, der u. a meinte : »… Der Vergleich der Ergeb-
nisse der Sprachenzählungen aus den Jahren 1900 und
1910 weist an vielen Stellen auf so große Differenzen
hin, dass man diese nicht mehr nur mit den tatsächli-
chen Veränderungen der Sprachstruktur erklären kann,
sondern sehr viel eher mit den Unterschieden in der
Erhebungstechnik der Zählung …«. Gerade das ist der
springende Punkt : nämlich die Frage, nach welchen
Kriterien die Umgangssprache bestimmt wurde, wer
gezählt hatte, wie sich der Zählende verhielt, wie die
Kontrolle aussah und welche Sanktionen es bei even-
tuellen Mängeln gab, die die vielen Zweifel hinsicht-
lich der Objektivität der amtlichen Volkszählungen
bereits zur Zeit der Habsburgermonarchie entstehen
ließen. Gerade die fehlende Objektivität der amtlichen
Volkszählung, deren Aufgabe darin lag, schon damals
eine möglichst hohe Anzahl von Deutschsprachigen
in einem bestimmten Gebiet aufzuzeigen, war neben
der bereits erwähnten → Germanisierung die Haupt-
ursache für die großen Veränderungen der nationalen
Struktur der Bevölkerung in einigen habsburgischen
Ländern. Das erfahren wir z. B. in der Steiermark/
Štajerska auch aus den Aufforderungen der Marburger
Zeitung, der zufolge jene Knechte und Mägde, die bei
deutschen Dienstherren arbeiten, als ihre Umgangs-
sprache die deutsche Sprache anführen sollen.
Der Germanisierungsprozess und die Fragwürdig-
keit der Resultate der österreichischen Volkszählungen
im Hinblick auf die Umgangssprache werden noch
deutlicher, wenn man die Zahl der Orte mit einem ge-
wissen Prozentsatz an slowenischer Bevölkerung in den
einzelnen Volkszählungsergebnissen vergleicht.
Obwohl kein Zweifel besteht, dass die Volkszäh-
lungsergebnisse nicht der tatsächlichen Situation ent-
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55