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Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška - Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
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410 Germanisierung, statistische wobei dabei der überwiegende Charakter der Ortschaft ermessen wurde. In den Jahren 1880, 1890, 1900 und 1910 wurde die Umgangssprache festgestellt. Aus der vergleichenden Analyse der Volkszählungsergebnisse hinsichtlich der Umgangssprache ergibt sich, dass ei- nerseits die Gesamtzahl der Bevölkerung →  Südkärn- tens von 88.388 im Jahr 1880 auf 90.903 im Jahr 1910 wuchs, dass aber dieses Wachstum vor allem auf den Anstieg der deutschsprachigen Bevölkerung zurück- zuführen war, die um das Zweieinhalbfache stieg (von 12.750 im Jahr 1880 auf 33.036 im Jahr 1910), wäh- rend der slowenischsprachige Bevölkerungsanteil im selben Zeitraum um ein Viertel, und zwar von 75.579 im Jahr 1880 auf 57.816 im Jahr 1910, zurückgegan- gen war. Nach den Angaben der Zählung von Czo- ernig hatte das damalige Kronland Kärnten/Koroška (einschließlich des →  Val Canale/Kanaltal/Kanalska dolina, von Jezersko [Seeland] und der →  Mežiška dolina [Mießtal]) 318.577 Einwohner, davon wa- ren 22.033 (70,01 %) deutschsprachig und 95.544 (29,99 %) slowenischsprachig. Nach den Berechnun- gen von Bogo →  Grafenauer hatte das Gebiet des sog. »Slowenisch-Kärntens« (Slovenska Koroška), das ziemlich genau dem Gebiet des zweisprachigen Schulwesens entsprach (wie es später in der Schul- verordnung 1945 definiert wurde), 115.472 Einwoh- ner. Davon waren slowenischsprachig 56.799 Perso- nen (49,19 %), slowenisch-deutsch-krainisch-sprachig 13.469 (11,66 %), slowenisch-deutschsprachig 14.524 (12,58 %), deutsch- slowenisch-sprachig 21.456 (18,58 %) sowie deutschsprachig 9.224 (7,99 %). An- ders ausgedrückt : Slowenisch als Umgangssprache wurde in einer der erwähnten Kategorien von 92,01 % der Gesamtbevölkerung des erwähnten Gebietes ange- geben. Im Hinblick auf die Überlegungen des amerika- nischen Historikers Pieter M. Judson waren die erwähnten Volkszählungen bei der Erstellung des Konzeptes der Sprachgrenzen als Grenzen zwischen verschiedenen Völkern hilfreich, denn sie ermöglichten den nationalistischen Aktivisten zum ersten Mal, ver- schwörerisch ihrer vorgeblichen demografischen Stärke bzw. ihrer Schwäche im geografischen Sinn Geltung zu verschaffen. Wenn eine Sprache (oder ein Volk) Vor- teile auf Kosten einer anderen erlangt hatte, konnte man feststellen, wo dies geschehen war. Dies ermög- lichte nationalistischen Organisationen, den »Kampf- platz« genau auszuwählen. Als es 1900 zur dritten Zählung in der Reihe der Volkszählungen kam, waren Volkszählungen eine Gelegenheit für nationalistische Propaganda auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Die nationalistischen Aktivisten spornten ihre Anhänger an, sich möglichst vieler Bereiche zu bemächtigen und möglichst viele Menschen für ihre Sprache zu gewin- nen. Viel Aufmerksamkeit schenkte man den Betrugs- fällen oder Fällen gesetzwidrigen gegnerischen Drucks auf die der Volkszählung unterworfenen Personen. Solche große Veränderungen der sprachlichen bzw. ethnischen Struktur der Bevölkerung Südkärntens sind freilich nicht nur die Folge natürlicher Bevölkerungs- bewegungen und massenhaften Zuzugs deutschspra- chiger Bevölkerung. Darauf wies in den Kommenta- ren zum Volkszählungsergebnis von 1910 auch Franz Hiess hin, der spätere Leiter des Bundesamtes für Statistik, der u.  a meinte : »…  Der Vergleich der Ergeb- nisse der Sprachenzählungen aus den Jahren 1900 und 1910 weist an vielen Stellen auf so große Differenzen hin, dass man diese nicht mehr nur mit den tatsächli- chen Veränderungen der Sprachstruktur erklären kann, sondern sehr viel eher mit den Unterschieden in der Erhebungstechnik der Zählung  …«. Gerade das ist der springende Punkt : nämlich die Frage, nach welchen Kriterien die Umgangssprache bestimmt wurde, wer gezählt hatte, wie sich der Zählende verhielt, wie die Kontrolle aussah und welche Sanktionen es bei even- tuellen Mängeln gab, die die vielen Zweifel hinsicht- lich der Objektivität der amtlichen Volkszählungen bereits zur Zeit der Habsburgermonarchie entstehen ließen. Gerade die fehlende Objektivität der amtlichen Volkszählung, deren Aufgabe darin lag, schon damals eine möglichst hohe Anzahl von Deutschsprachigen in einem bestimmten Gebiet aufzuzeigen, war neben der bereits erwähnten →  Germanisierung die Haupt- ursache für die großen Veränderungen der nationalen Struktur der Bevölkerung in einigen habsburgischen Ländern. Das erfahren wir z. B. in der Steiermark/ Štajerska auch aus den Aufforderungen der Marburger Zeitung, der zufolge jene Knechte und Mägde, die bei deutschen Dienstherren arbeiten, als ihre Umgangs- sprache die deutsche Sprache anführen sollen. Der Germanisierungsprozess und die Fragwürdig- keit der Resultate der österreichischen Volkszählungen im Hinblick auf die Umgangssprache werden noch deutlicher, wenn man die Zahl der Orte mit einem ge- wissen Prozentsatz an slowenischer Bevölkerung in den einzelnen Volkszählungsergebnissen vergleicht. Obwohl kein Zweifel besteht, dass die Volkszäh- lungsergebnisse nicht der tatsächlichen Situation ent-
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Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Untertitel
Von den Anfängen bis 1942
Band
1: A – I
Autoren
Katja Sturm-Schnabl
Bojan-Ilija Schnabl
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2016
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79673-2
Abmessungen
24.0 x 28.0 cm
Seiten
542
Kategorien
Geographie, Land und Leute
Kunst und Kultur

Inhaltsverzeichnis

  1. Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
  2. Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
  3. Geleitwort von Johannes Koder 9
  4. Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
  5. Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
  6. Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
  7. Verzeichnis der Siglen 40
  8. Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
  9. Editoriale Hinweise 51
  10. Lemmata Band 1 A – I 55
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