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Grafenauer, Ivan
seiner Jugend nicht mehr dort wirkte. Kärntnerische
Themen erörterte er in zwei seiner ersten größeren Pu-
blikationen : zur Betonung im Gailtaler Dialekt (1905)
und zu zwei exemplarischen Beispielen abergläubischer
Schriften, → Duhovna bramba [Geistliche Schild-
wacht] und → Kolomonov žegen [Colomanisegen]
(1907). Bis ins Detail untersuchte er die → Klagen-
furter Handschrift/Celovški rokopis (1931, 1958), be-
arbeitete das Wörterbuch von Oswald → Gutsmann
und dessen Sprichwortsammlung (1935). Er schieb
über Anton Martin → Slomšeks pädagogische Tä-
tigkeit in Klagenfurt/Celovec, über den Volksverlag
→ Mohorjeva (Hermagoras), über die bedeutenden li-
teratur- und kulturengagierten Persönlichkeiten Urban
→ Jarnik, Matija →
Majar, Anton → Janežič, Jo-
sip Lendovšek u. a. m. Er beschäftigte sich mit dem
Verhältnis zwischen Kärntnerischen u. a. slowenischen
Volksliedern. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs
veröffentliche er eine Reihe literatur- und kulturtheo-
retischer sowie ethnografischer Beiträge, mehrheitlich
im Koroški koledar. An der Spitze all dieser Bestrebun-
gen steht der synthetische Umriss der Kärntnerischen
Literatur als Bestandteil der gesamtslowenischen Lite-
ratur (1946). (Eine Auswahl von Aufsätzen mit Fokus
auf Kärnten/Koroška erschien unter dem Sammeltitel
Koroške zasnove [Kärntner Grundlage] in Grafe-
nauer 1980, 439–631.)
G. gehörte zum katholischen Kulturkreis und war
häufig in seinen Organen aktiv. Während seiner Studi-
enzeit arbeitete er als Koredakteur der Zeitschrift Zora,
später publizierte er regelmäßig in den Zeitschriften
Dom in Svet und Čas. Als Erstere 1917 in eine Krise
geriet, widersetzte er sich gemeinsam mit Izidor Can-
kar der dogmatischen Ausrichtung der Kunst, die Aleš
Ušeničnik vertrat. In der Zwischenkriegszeit griff G.
weniger in umfassendere Kulturdiskurse ein, sondern
brachte seine Anschauungen v. a. in fachspezifischen
Polemiken zum Ausdruck. Aus ideologischen Grün-
den kam ihm nach dem Zweiten Weltkrieg weder die
Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit noch ihre
Anerkennung zu, welche sich G. aufgrund der hohen
Qualität seiner wissenschaftlichen Arbeiten verdient
hätte. Trotz allem verschaffte er sich Geltung als ei-
ner der hervorragendsten Kenner des slowenischen
Schrifttums, der älteren slowenischen Literatur und
gleichzeitig als international anerkannter Forscher der
Volksliteratur.
Darko Dolinar ; Üb.: Maja Francé Während seiner Studienzeit veröffentlichte G. in der
Zeitschrift → Archiv für slavische Philologie Rezensio-
nen zu sprachwissenschaftlichen und literaturwissen-
schaftlichen Publikationen (siehe Werke). Seine be-
deutendste Publikation in AfslPh ist die Studie Zum
Accente im Gailthalerdialekte (1905), in der er die Beto-
nung im Gailtaler Dialekt aufarbeitet. Als Grundlage
dient G. dabei der slowenische Dialekt seiner Heimat-
pfarre Egg/Brdo, südöstlich von Hermagor/Šmohor.
In Zum Accente im Gailthalerdialekte vergleicht G. die
Betonung im → Gailtaler Dialekt (ziljsko narečje) u. a.
mit der Betonung in der slowenischen → Standard-
sprache, in anderen slowenischen → Dialekten, in dem
štokawischen und čakawischen Dialekt des Serbokroa-
tischen und im Russischen. Sein Zugang bezieht sich
sowohl auf die synchrone (gegenwärtige) als auch dia-
chrone (historische) Situation. Zum Accente im Gailtha-
lerdialekte ist ein bis heute viel zitiertes Standardwerk in
der slowenischen Sprachwissenschaft. Später widmete
sich G. der Sprachwissenschaft nur mehr einmal einge-
hend, und zwar in einer Studie zur Betonung der deut-
schen Lehnwörter im Slowenischen (Naglas v nemških
izposojenkah v slovenščini, 1923).
Rezensionen in AfslPh.: Karásek, J.: Die serbo-kroatische Literatur,
AfslPh 29 (1907) ; Ljapunov, M.: Neskoľko zamečanij o slovensko-ne-
meckom slovare Pleteršnika, AfslPh 26 (1904) ; Ozvald, K.: Zur Phone-
tik des Dialektes von Polstrau, AfslPh 27 (1905) ; Šašelj, I.: Bisernice iz
belokranjskega zaklada 1. V Adlešičih, AfslPh 29 (1907) ; Tominšek, J.:
Narečje v Bočni in njega sklanjatev, AfslPh 26 (1904).
Reinhold Jannach
Im Bereich der Philologie führten G. die Studien zum
slowenischen mittelalterlichen Schrifttum (→ Freisin-
ger Denkmäler, Stiški rokopis [Handschrift aus Stična],
→ Klagenfurter Handschrift/Celovški rokopis) in den
30er-Jahren des 20. Jh.s zu Erforschung der sloweni-
schen literarischen Folklore. Mit Hilfe deutscher Pa-
ralleltexte zu ein- und zweigliedrigen slowenischen
Bannsprüchen (slow. zagovor) konnte er ihr Entstehen
zwischen dem 10. und dem 13. Jh. datieren. Das führte
ihn dazu, erstens mit einer vergleichenden Analyse der
slowenischen Liedmotive in anderen Sprachen und mit
einem Vergleich der kulturellen und historischen Ver-
hältnisse die tatsächliche Geschichte der slowenischen
→ »Volkslieder« zu eruieren und zweitens in der litera-
rischen → Folklore deren mittelalterliche Elemente zu
identifizieren. Darauf beruhten auch seine breit ange-
legten Forschungen mit einer methodischen Kombina-
tion einer vergleichenden literarhistorischen Methode
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55