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Grafenauer, Ivan
Ivan Grafenauer, NUK und der kulturhistorischen Richtung in der Ethnolo-
gie. Am stärksten kam dieser Ansatz zum Ausdruck
in seiner Abhandlung Prakulturne bajke pri Slovencih
[Legenden aus der Urkultur bei den Slowenen]. Ge-
gen einige Bedenken hinsichtlich seiner Erkenntnisse
zu Studien insbesondere des slowenischen Volksliedes
stellte er klar : »Wenn wir vom Alter unserer Volkslieder,
Erzählungen, Legenden u. Ä. reden, dann bezieht sich
das nie auf die Form des Liedes oder der Erzählung,
in der sich diese Lieder, Erzählungen und Legenden
bis zur heutigen Zeit erhalten haben, denn diese Form
kann alt oder aber auch sehr jung sein. Es geht vielmehr
um das Alter des Substrats der Fabel, um das Alter des
Motivs und der Verbindungen untereinander, um die
Motivschemata, die Motivfolge und um ihren sachli-
chen, tatsächlichen und historischen Hintergrund […]
Auch bei den Volksliedern muss also unterschieden
werden zwischen dem Alter der Liedform und dem Al-
ter des Substrats und des historischen Stoffs« (Spokor-
jeni grešnik, Ljubljana 1965, 100–101).
Im Bereich der Folklore verwendete er am meisten
Energie für die Erforschung des historischen Wandels
der Stoffe, die Grundlage für die ausgezeichneten Bal-
laden und Romanzen mit spanischen Motiven bilde-
ten (Slovenska narodna romanca o Romarju sv. Jakoba
Kompostelskega [Die slowenische Volksromanze über
den Jakobspilger]). Der Jakobspilger enthält eine inter-
nationale Motivik der europäischen mittelalterlichen
Volkspoesie. Dabei handelt es sich um eine Frau hohen
Standes, die als singender Pilger/Mönch mit Musik-
spiel ihren Mann aus der Sklaverei befreit. Die Vorlage
entstand und verbreitete sich wahrscheinlich bis zum 12.
Jh., d. h. in der Zeit, als das älteste Epos des El Cid als
Echo auf die Ritter- und Kreuzfahrerkriege im Nahen
Osten und in Spanien entstanden war. In den sloweni-
schen Ländern verbreitete sich der Stoff in einer Zeit,
als die Kreuzfahrergeschichten aus dem Heiligen Land
noch ein allgemeines Interesse hervorriefen. Die slowe-
nische Fassung verfasste jemand, der lesen und schrei-
ben konnte. Er sprach auch Fremdsprachen und lernte
den Stoff auf der Reise durch Spanien, Frankreich und
Italien kennen. Die spanischen Mauren wurden erst
gegen Ende des 15. Jh.s durch die Türken ersetzt. Die
Handlung der Romanze spielt im Zeitraum vom 8. bis
zum 12. Jh. Ähnlich wurde der fremde Stoff auch in der
Ballade Zarika in Sončica [Zarika und Sončica] aufge-
nommen. Eine spanische Königin vergiftet aus Eifer-
sucht eine türkische Sklavin, doch als sie erkennt, dass
dies ihre eigene Schwester war, stirbt sie vor Traurig- keit. Es handelt sich um die verwobenen Verhältnisse
der Polygamie im Harem bei den Mohammedanern
im 12. Jh., als die afrikanischen und spanischen Sara-
zenen fast noch ungehindert an den westlichen Küsten
des Mittelmeeres plündern konnten. Zumindest aus
dem Hochmittealter, wenn nicht älter, sind nach G. die
Lieder, in denen die epische Persönlichkeit des »spa-
nischen Königs« vorkommt (Sveta Uršula [hl. Ursula],
Sveta Barbara [hl. Barbara], Mlada Breda [Die junge
Breda]). In Wirklichkeit handelt es sich dabei um den
Herrscher der Sarazenen, Araber und Mauren. Seine
Rolle übernahm ab den osmanischen Einfällen der
»türkischer Zar«.
Im Gegensatz zu den Liedern, in denen die Tragö-
die der christlichen Personen die Folge der Übeltaten
der Sarazenen ist, bestehen auch erzählende Lieder mit
einem glücklichen Ende, so z. B. Marija, ptica pevka in
zamorska deklica [Maria, der Singvogel und das Mohr-
Mädchen]. Das Lied ist ein Echo aus dem Volk auf
die Verbreitung der Mariengebete im 12. und 13. Jh.
Damals entstanden auch einige bekannte slowenische
Wallfahrtsziele (die Insel Bled, Šmarna Gora, Velesovo,
Stična) und diese wiederum förderten das Entstehen
von Marienlegenden (→ Wallfahrten). Die Methode
der vergleichenden Erforschung der Legenden mit
dem Motiv des reumütigen Sünders zeigt die Ver-
wandtschaft des slowenischen und des irischen Stoffes
auf, der im 12. und im 13. Jh. entstand. Die schwere
Buße mit einem wundersamen Ende beweist, dass
die Erzählung nicht mehr aus dem realen Leben ent-
stammt, sondern dass sie ein erhebendes Beispiel dafür
ist, dass auch der schwerste Sünder Sühne erwirken
kann (Spokorjeni grešnik. 1965).
G. verfolgte mit großer Aufmerksamkeit die ein-
zelnen Motive, die Teil der slowenischen Fassung der
→ Lepa Vida sind und widmete sich auch eingehend
der Tradition des guten Königs Mathias (→ kralj
Matjaž) und deren historischem Hintergrund.
Marija Stanonik ; Üb.: Bojan-Ilija Schnabl
Werke : Zum Akzente im Gailthalerdialekte. AslPh 27/1 (1904/05)
195–228 ; »Duhovna bramba« in »Kolomonov žegen«. ČZN 4 (1907)
1-70 ; Fortsetzung in : Razprave SAZU 1 (1943) 201–339 ; Zgodo-
vina novejšega slovenskega slovstva 1–2. Ljubljana 1909, 1911 ; Kratka
zgodovina slovenskega slovstva 1–2. Ljubljana 1917, 1919 (združena
in dopolnjena izdaja 1920) ; Valentin Vodnik – pesnik. Ljubljana 22
(1918) 104–169 ; Naglas v nemških izposojenkah v slovenščini (Donesek
k zgodovini slovenskega naglasa), Razprave Znanstvenega društva za
humanistične vede. Ljubljana 1923 ; Poglavje iz najstarejšega slovens-
kega pismenstva. ČJKZ 8 (1931) 68–117 ; O pokristjanjenju Slovencev
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55