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Illyrische Provinzen
war die Region in Verwaltungsdingen recht autonom,
und die dort ansässige Bevölkerung organisierte ihr po-
litisches und kulturelles Leben nach üblichem Brauch
weiter. Aus heutiger Sicht war die Entstehung der I. P.
ein strategischer Schachzug Napoleons I. Die Region
bot nämlich einen exzellenten geopolitischen Kontroll-
punkt. »[…] der besondere Status der I. P. wirft einige
Fragen auf. Die Erklärung, die sich spontan als Erstes
anbietet, ist die karolingische, und zwar als Militärischer
Vorposten, Verteidigungslinie und Basis für Offensiven
zugleich. Hier treffen die Einflusssphären dreier Groß-
mächte aufeinander. Das Franco-italienische Ensemble,
Österreich und die Türkei ; dazu kommt der Kontakt
zu England, welches die Adria über seine Kriegsschiffe
kontrolliert und die Nachbarschaft mit Russland, wel-
ches in Korfu und Kotor präsent war und seinen Ein-
fluss in Serbien und Montenegro über die orthodoxe
Solidarität ausübte. […] Es versteht sich, dass Napo-
leon Interesse an dieser strategischen Region hatte, be-
sonders da damals bereits der Zerfall des Osmanischen
Reiches als imminent angesehen wurde« (Zwitter,
Préface).
Die kulturelle Befreiung der südslawischen Völ-
ker zu Zeiten der I. P. Die willkürliche Fremdherr-
schaft, welche den südslawischen Völkern durch Krieg
und die Okkupation aufgezwungen worden war, trug
dazu bei, dass die Südslawen sich als unterdrückte und
unmündige Volksgruppen einander annäherten. Als
1809 die politischen Ereignisse in Europa den Südsla-
wen die Chance boten, sich der erdrückenden Entmün-
digung zu entledigen und eine autonome kulturelle
Entwicklung anzustreben, wurde diese genutzt, um die
Weichen für die künftige jugoslawische Nationsbildung
zu legen.
Der Gebrauch der eigenen Sprache als Amts-
sprache. Eine der entscheidenden Maßnahmen der
französischen Administration war der Beschluss, die
Sprache der Landesbevölkerung zur administrativen
Sprache zu erklären und diese auch an den Schulen
der I. P. unterrichten zu lassen ; sodass die kommende
Generation in der eigenen Muttersprache gebildet sein
würde. Gleichzeitig ermöglichte die neue Administra-
tion, dass die Volkssprache über Mittel wie die Presse
und Fachpublikationen literarisch in Umlauf gebracht
wurde. Dabei wurden Grammatik-Literatur sowie
Wörterbücher und historische Literatur vermehrt ge-
druckt. Die Möglichkeit des intellektuellen Austau-
sches und des wissenschaftlichen Diskurses in der ei-
genen Sprache verhalf den südslawischen Völkern zu einem neuen Selbstbewusstsein, indem sie auf rheto-
risch ebenbürtige Weise zu den deutschsprachigen und
französischsprachigen Administrationen ihre Wissen-
schaft und ihre sozial-politischen Anliegen kommuni-
zieren konnten. Dazu bereiteten diese Bildungsmaß-
nahmen den Weg für künftige Literaten, und somit
legten sie die Grundlage für die südslawische Belletris-
tik. In Hinkunft würde nicht allein die fremdsprachige
Obrigkeit geistige und amtlich gültige Erkenntnis pro-
duzieren und diese nach eigenen Bedingungen, in eige-
ner Sprache weitergeben, sondern die Südslawen wür-
den selbst als schaffende Kraft an der Wissensfindung
und Lehre mitwirken. Diese kulturelle Entwicklung
hing einerseits eng mit der Nationswerdung der fran-
zösischen Bevölkerung zusammen, andererseits wurde
sie ohne Zweifel vom Zeitgeist der Romantik inspiriert,
welche damals vor allem in deutschen Fürstentümern
florierte. Ihre Vertreter des »nationalen (deutschen)
Idealismus«, genannt seien Johann Gottfried Herder,
Johann Gottlieb Fichte, Johann Wolfgang Goethe,
Friedrich Hegel und Friedrich Schelling, basierten
die gesellschaftliche Identitätsgrundlage auf der Nut-
zung einer gemeinsamen Sprache und ihrem gepflegten
Gebrauch.
»Als die französischen Autoritäten den Gebrauch
›der Sprache des Landes‹ in die Administration und
in die illyrischen Schulen gebracht haben und die Ver-
breitung von Presse und Publikationen von Fachlitera-
tur (Grammatik, Wörterbücher, historische Literatur)
unterstützt haben, handelten sie im eigenen Interesse,
gaben aber gleichzeitig der linguistischen Problematik
einen bis dahin unbekannten politischen Inhalt. Pro-
fessor Zwitter beweist auf detaillierte Art, dass die Slo-
wenen und die Kroaten (in minderer Weise) Dank den
Franzosen aus ihren Bestrebungen, ihre eigene Sprache
zu sprechen, den Kern gebildet haben, um welchen
herum sich ihr nationales Bewusstsein formiert hat«
(Zwitter, 10).
Weitere umfangreiche administrative Maßnah-
men der Franzosen in Illyrien. Nach dem Vorbild
ihrer französischen Heimat setzten die französischen
Truppen auf Geheiß Napoleons das Prinzip der Gleich-
heit der Bürger und Bürgerinnen vor dem Gesetz um.
Dazu wurden die ungleichen Steuerbelastungen unter
den einzelnen Regionen aufgehoben, ein uniformes
Steuereinnahmegesetz eingeführt und jegliche Privi-
legien in diesem Bereich gestrichen ; Adelssitze und
der katholischen Kirche zugehöriger Grund waren da-
bei nicht ausgenommen. Eine weitere einschneidende
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55