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Illyrismus
L. Vukotinović. Sie formulierten das Konzept einer
ethnischen, sprachlichen und kulturellen Einheit der
Südslawen, das auf der Lehre des slowakischen Auf-
klärers Jan Kollar von den vier Sprachzweigen des
slawischen Volkes (Polen, Tschechoslowaken, Russen
und Illyrer) gründete. Die Vertreter des I. betrachte-
ten die Südslawen als direkte Nachfahren des antiken
Volkes der Illyrer, das den Balkan besiedelte. Die Wahl
der Bezeichnung »Illyrer« erklärte Gaj folgenderma-
ßen : »Ein Serbe würde nie ein Kroate oder ein Krainer
werden wollen, ebenso wie diese beiden letzteren nicht
um die Welt Serben werden könnten.« Die Schaffung
einer einzigen nationalen Literatursprache auf Basis
des štokavischen Dialekts des Serbokroatischen, wel-
chen die Serben und die meisten Kroaten sprachen,
sollte nach Gaj als Fundament für die Vereinigung der
südlichen →
Slawen (Illyrer) zu einem einzigen Volk
dienen. Gaj modernisierte nach tschechischem Vorbild
das kroatische Alphabet, das die Bezeichnung »Gajica«
erhielt. Im Jahr 1836 publizierte V. Babukić in der
Zeitschrift Danica die erste Grammatik der illyrischen
Sprache.
Gaj brachte im Jahre 1835 die Zeitung Ilirske no-
vine und die Zeitschrift Danica ilirska heraus, zu-
nächst in kajkavischem Dialekt, ab 1836 allerdings in
štokavischer Sprachform. Zu den Organisationszentren
der Illyrischen Bewegung entwickelten sich die Lese-
hallen (→ Slovanska čitalnica), unter denen jene von
Zagreb, im Jahr 1838 gegründet, die Hauptrolle spielte.
Der dazugehörige Kulturfonds Matica ilirska wurde
1842 zur Herausgabe von Büchern gegründet. Der I.
führte zum Aufblühen des kroatischen kulturellen Le-
bens, er förderte die Entwicklung sowohl der Dichtung
(→ Vraz ; Demeter ; Mažuranić) als auch der
Prosa, vor allem der historischen (Vukotinović und
Kukuljević), aber auch des Theaters, der Musik etc.
In den illyrischen Ausgaben der Danica und des Kolo
wurden zahlreiche Beiträge slawischer Kulturschaffen-
der veröffentlicht, darunter auch slowenischer (Vraz ;
→ Jarnik).
In den ersten Jahren entwickelten sich die Ideen des
I. im Rahmen der → Aufklärung und verfolgten literari-
sche und kulturelle Ziele. In den 40er-Jahren begannen
die ungarischen Behörden jedoch mit einer massiven
Magyarisierung der Kroaten. Im Jahr 1841 wurde die
proungarische Partei Horvatsko-vugerska stranka gegrün-
det ; als Antwort darauf riefen die Anhänger der Illyri-
schen Bewegung ihrerseits eine eigene Partei, die Ilirska
stranka, ins Leben. Bei den ungarischen Landtagswahlen in den Jahren 1841 bis 1843 erzielte die Illyrische Partei
große Erfolge. Im Jahre 1843 jedoch wurde unter unga-
rischem Druck die Bezeichnung »illyrisch« von der ös-
terreichischen Regierung verboten. Diese Bezeichnung
wurde in Folge durch den Begriff »Volks-« ersetzt. Das
politische Programm der Illyrischen Bewegung fasste
Gaj in folgender Losung zusammen : »Gott behüte die
ungarische Verfassung, das Königreich Kroatien und
das illyrische Volk.« Auf diese Weise präsentierten die
kroatischen Patrioten bereits am Vorabend der Revolu-
tion des Jahres 1848 ihr politisches Programm, ein Kö-
nigreich Kroatien. Für sie war dies jedoch nur der erste
Schritt. Noch in den 30er-Jahren schrieben die Verfech-
ter der Illyrischen Bewegung von einem Großillyrien,
welches neben den kroatischen auch die slowenischen
Gebiete, Bosnien, Herzegowina, Serbien, Montenegro
und die bulgarischen Gebiete umfassen sollte.
Die Ideen der Illyrischen Bewegung fanden nicht
nur unter den Kroaten, sondern auch unter anderen
Südslawen Anklang : bei den Serben in Dalmatien, in
der Vojvodina, der Militärgrenze (B. Petranović, M.
Baltić, D. Nikolajević) sowie in Bosnien und Her-
zegowina im Umfeld des Franziskanermönchs F. Jukić.
Auch bei den Slowenen wurden illyrische Ideen auf-
genommen. In Ljubljana studierten von 1839 bis 1843
die Seminaristen A. Žakelj, L. Pintar, J. Volčič, L.
Jeran und andere die illyrische Sprache. Nach dem
kaiserlichen Verbot der Bezeichnung »Illyrer« und
nach dem Erscheinen von J. →
Bleiweis’ Zeitung
Kmetijske in rodkodelske novice [»Bauern- und Hand-
werkernachrichten«] (Novice) im Jahr 1843 begannen
sie in slowenischer Sprache zu schreiben. Bei den Slo-
wenen aus der Steiermark/Štajerska und aus Kärnten/
Koroška war das Interesse für die Illyrische Bewegung
noch größer. Sie sahen darin einen Schutz vor der
→ Germanisierung, die bei ihnen stärker zu spüren war
als bei den Slowenen aus → Krain/Kranjska. Anhänger
der Illyrischen Bewegung in der Steiermark/Štajerska
waren Stanko → Vraz, O. Caf, Davorin → Trsten-
jak sowie F. → Miklošič (Letzterer allerdings nur
bis zu seiner Wiener Zeit). Vraz war der einzige Ver-
treter der Slowenen, der Gajs Konzept der illyrischen
Sprache zur Gänze übernahm. Er übersiedelte nach
Zagreb und wurde ein führender kroatischer Dichter.
In Kärnten/Koroška begrüßte Urban → Jarnik die
Ideen der Illyrischen Bewegung bereits 1837. In den
Jahren 1839–1840 gab es in Klagenfurt/Celovec unter
den Seminaristen einen »Illyrischen Kreis«. In einem
Brief an Gaj nannte Š. Korošec unter dessen Mit-
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55