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Inkulturation
Dreikopf aus St. Martin
am Silberberg, Foto Peter
Schwarz, Landesmuseum
Kärnten sich im Wesentlichen auf die baltischen Slawen und die
Slawen der Rus konzentriert) und behandelt die 400
Jahre früher christianisierten Slawen des Alpenrau-
mes/Karantaner nicht. Somit kann er auch nicht den
Dreikopfstein vom Magdalensberg/Štalenska gora im
Lichte einer eventuellen I. berücksichtigen, der jedoch
mit der Darstellung des slawischen Gottes Triglav (dt.
Dreikopf) Übereinstimungen aufweist (→ Mytholo-
gie). In der Vitae Ottonis Episcopi Bambergensis wird
allerdings berichtet, wie Otto von Bamberg 1127
noch im Zuge der Christianisierung der Slawen (Wen-
den) im Pommerschen Szczecin (Stettin) die Statue des
Triglav stürzen, zerstören und die Köpfe als Trophäe
abhacken und nach Rom transportieren ließ (… Hoc
Stetinae factum non esse apparet ex Herbordo H, 31, apud
quam legimus Ottonem Triglawi idolam fregisse triaque
eius capita postea Romam misse [S. 851]). Da aber das
hohe Alter der Skulptur außer Zweifel steht, muss sie
jedenfalls verschiedene Prozesse der I. durchgemacht
haben, um eben nicht als Denkmal und Götzenbild
einer anderen Religion zerstört oder als Baumaterial
geschändet zu werden.
Geht man von einer weiteren Hypothese aus, der
Dreikopfstein sei originär heidnisch-karantanisch (aus
der Frühzeit Karantaniens), so müsste dieser sich in
einer zentralen Kultstätte des norisch-karantanischen
Raumes befindliche Kultstein von der iro-schottischen
Mission im Zuge der Christianisierung in einem ers- ten Schritt toleriert und danach inkulturiert worden
sein. Dabei wäre aber zu beachten, dass gerade die
religiöse Konvertierung das zentrale Anliegen der iro-
schottischen Mission von → Virgil und → Modes-
tus war, und zwar bei Achtung lokaler sprachlicher
und rechtlicher Traditionen (→ Personalitätsprinzip).
Die → Domitian-Legende, einer der wenigen histo-
rischen Hinweise auf heidnische Kulte der Karantaner
nach Kahl, deutet jedoch darauf hin, dass heidnische
Kultobjekte im Zuge der Christianisierung auch in Ka-
rantanien zerstört wurden, also auch dieser Kultustein
der Zerstörung anheimfallen hätte müssen.
Die in der Kirche selbst abzurufende Information,
die wahrscheinlich wiederum auf Zablatnik zurück-
zuführen ist, datiert den Dreikopfstein in die frühe
Phase der Christianisierung der Karantaner vom Ende
des 8./Anfang 9. Jh.s, die mit dem wiederholten Auf-
leben von Widerständen übereinstimmt (→ Carmula,
→ Liudevit-Aufstand). Diese Datierung führt zum
gleichzeitig plausibelsten Erklärungsmodell, dass näm-
lich diese Darstellung, die nach Kahl nicht der später
üblichen Darstellung der Dreifaltigkeit entspricht, ei-
ner I. des Triglav-Kultes in das neue christliche Reli-
gionsbekenntnis der Karantaner Slowenen entspringt
(gleichsam als christliches Weihwasserbecken mit ar-
chaischer Motivik, um den Widerstand der Karantaner
zu brechen und sie für die Bekehrung zu gewinnen).
Damit gibt der Stein auch Zeugnis über die kulti-
sche Kontinuität am Berggipfel ab und ist neben dem
eindeutig ursprünglichen heidnisch-karantanischen
Dreigesicht von St. Martin am Silberberg und dem
Ritzrelief von →
Keutschach/Hodiše eines der seltenen
erhaltenen Denkmäler originär karantanischer Kunst
am Übergang zum Christentum, das in seinem Kern
einer »verkleideten« Darstellung der Triglav-Gottheit
entspricht. Aufgrund der – in jeder der angeführten
Hypothesen zum Ursprung des Kultsteines – notwen-
digerweise stattgefundenen Inkulturationsprozesse gibt
der Stein Zeugnis über das Bestehen einer (zentralen)
karantanisch-heidnischen Kultstätte am Magdalens-
berg/Štalenska gora ab. Da dieser Kultstein weiterhin
für kultische Zwecke in Gebrauch war (in abgewan-
delter Form im Vergleich zu seiner originären Bestim-
mung), ist er zumindest durch I. auch als genuines slo-
wenisches kulturgeschichtliches Denkmal anzusehen
(→ Klagenfurter Feld/Celovško polje). Beim Dreige-
sicht von St. Martin am Silberberg wird hingegen der
Inkulturationsprozess dadurch unterbrochen und been-
det, dass er in die Friedhofsmauer eingemauert wurde
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55