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I» diesem kritische» Augenblicke lenkte der Kaiser ein; er entschloß sich zu einem
Wechsel seiner inneren und äußeren Politik. Am 20. und 25. November 1789 widerrief
Josef alle Ordonnanzen, die er für Belgien erlassen hatte, versprach die „ioxeuss entree-
wieder in Kraft zu setze« und gewährte eine allgemeine Amnestie. Doch war es zu spät. Die
Zugeständnisse wurden nur als Zeichen der Furcht und Schwäche der Regierung gedeutet.
Die Seemächte und Preußen übernahmen die Garantie der ständischen Verfassung. Die
Depntirten der Provinzen traten in Brüssel zusammen und constituirten sich als „die ver-
einigten belgischen Staaten". Der souveräne Congreß übernahm die Regierung des Landes.
Um die Unruhen in Ungarn zu dämpfen, widerrief Josef am 30. Januar 1790 die
meisten der in den letzten zehn Jahren erlassenen Verordnungen und erkannte die Ver-
waltungsformen, wie er sie bei seinem Regierungsantritte vorgefunden, als zu Recht
bestehend an. Er bewilligte die Wiederherstellung der Obergespane und der alten Behörden.
Er versprach die Krone herauszugeben. Nur die kirchlichen Einrichtungen und die neu-
geordneten Verhältnisse der Unterthanen zu den Grundherrschaften hielt er aufrecht. „Ich
wünsche von Herzen", lauteten die Schlußworte der berühmten kaiserlichen Entschließung,
„daß Ungarn an Glückseligkeit und guter Ordnung so viel gewinne, als ich durch meine
Verordnungen in allen Gegenständen selbem verschaffen wollte."
Zu den Sorgen um die inneren Verhältnisse gesellten sich die düsteren Ausblicke auf
den äußeren Bestand des Reiches. Friede um jeden Preis — war der Auftrag, den Josef
seinem Staatskanzler ertheilte. Er wollte alle Eroberungen im Südosten herausgeben, um
dann seine Waffen gegen jenes Preußen zu richten, das alle seine Entwürfe durchkreuzt
hatte, das mit allen seinen Gegnern in Verbindung stand.
Doch die Sanduhr seines Lebens war bereits abgelansen. Josef hatte stets auf ein-
samer Höhe dagestanden, nur vou wenigen Männern umgeben, wie etwa Lach, der sein
Vertrauen in besonderem Maße genoß, oder Cabinetsseeretär Anton, der die Korrespondenz
besorgte. Sei» Bruder Leopold uud seine Schwestern, mit denen er eifrig correfpondirte,
lebten in der Fremde und theilten seine Anschauungen nicht. Selbst Kaunitz hielt sich von
ihm ferne, da er seit Jahren die Berührung mit Kranken schenke. Nur sein Neffe Franz
weilte iu seiner Nähe; er hatte ihn ans Florenz nach Wien berufen, um selbst seine
Erziehung zu überwachen. Sonst waren es in den letzten Jahren vornehmlich fünf edle
Damen, die Fürstiuuen Clary, Kinski), Leopoldine und Eleonore Liechtenstein und die
Gräfin Kaunitz, iu deren anregender Gesellschaft er Erholung von den Staatsgeschäften
suchte. Unendlich angenehm war dem Kaiser anch der Umgang mit der liebenswürdigen,
bescheidenen Gemali» seines Neffen Franz, der Prinzessin Elisabeth von Württemberg.
Um so tiefer berührte ihn ihr unerwartet plötzlicher Tod. Zwei Tage darnach — am
20. Februar 1790 — schied er selbst nach kurzem Todeskampfe, einsam und verlassen, wie
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Übersichtsband, 1. Abteilung: Geschichtlicher Teil, Volume 3
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Übersichtsband, 1. Abteilung: Geschichtlicher Teil
- Volume
- 3
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1887
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.64 x 22.39 cm
- Pages
- 278
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch