Page - 228 - in Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Übersichtsband, 1. Abteilung: Geschichtlicher Teil, Volume 3
Image of the Page - 228 -
Text of the Page - 228 -
228
sollen schien, der, nach dem Ausdrucke Stadions, mehr einer Kapitulation als einem
Friedensschlüsse glich. Österreich büßte in diesem Frieden Venedig mit Jstrien und
Dalmatien an das Königreich Italien, Tirol an Baiern und den Rest der Vorlande an
Württemberg und Baden ein und erhielt dafür Salzburg und Berchtesgaden. Baieru,
Württemberg und Baden wurden für souverän erklärt, die beiden ersten Staaten zu König-
reichen, Baden bald darnach zum Großherzogthum erhoben. Damit war die deutsche
Reichsverfassung thatsächlich aufgelöst, uud als daher Napoleon die meisten Fürsten des
westlichen und südlichen Deutschland bewog, sich vom deutschen Reiche loszusagen uud
unter seinem Protectorate den Rheinbund einzugehen, legte Franz ll. die deutsche Kaiser-
würde nieder, womit das deutsche Reich nach tausendjährigem Bestände aufhörte. Fortan
nannte sich das letzte deutsche Reichsoberhaupt: Franz I., Kaiser von Österreich.
Kaiser Franz hatte den Preßbnrger Frieden nur als eine aufgedrungene Fessel
angenommen, er hoffte auf eine bessere Wendung, auf die innere Erstarkung Österreichs,
auf neue Bündnisse und neuen Krieg. Die alten Staatsmänner, wie Cobenzl und Colloredo,
hatten sich abgenützt; sie machten Männern Platz, welchen das Volk mit Recht Hoffnung
und Vertrauen entgegenbrachte. Graf Philipp Stadion als Staatskanzler und Erzherzog
Karl als Kriegsminister brachten frisches Leben in das Staatsgebäude. Während jener
an eine Verbindung aller europäischen Mächte dachte, arbeitete der Erzherzog an der
Umgestaltung der Wehrkraft des Reiches im volksthümlicheu Sinne durch die Errichtung
einer Landwehr.
Zunächst freilich war Österreich durch den letzten Krieg zu sehr geschwächt, als daß
es bei dem unmittelbar darnach erfolgten Ausbruche des Krieges zwischen Napoleon und
Preußen mehr als eine wohlwollende Neutralität beobachten konnte. Österreich mußte
ruhig zusehen, wie Napoleon in den furchtbaren Schlachten bei Jena und Anerstädt die
preußische Armee vernichtete, sodann die Russen bei Friedland schlug, endlich im Tilsiter
Frieden Preußen zerstückte, indem er einen Theil der abgenommenen preußischen Gebiete zu
dem für seinen Bruder Hieronymus (Jeröme) gebildeten Königreiche Westfalen schlug, den
andern als Herzogthum Warschau dem Kurfürsten, jetzt König von Sachsen, gab, und wie
auf der Zusammenkunft zu Tilsit, dann auf dem Erfurter Fürstentage sich Rußland und
Frankreich über die Theilung der Erde verständigten, so daß es für alle übrigen Staaten
nur ein Mittel der Erhaltung, nämlich die stumme Unterwerfung unter den Willen der
beiden Weltherrscher zu geben schien. Man konnte es nicht hindern, daß Napoleon Tag
für Tag die Landkarte Europas änderte, die Namen Bonrbon und Bragauza aus der
Reihe der Herrscherfamilien strich, die batavische Republik als Königreich Holland seinem
jüngeren Bruder Ludwig und das Königreich Neapel seinem älteren Bruder Josef, und
als er diesen aus den spanischen Thron berief, seinem Schwager Murat verlieh. Aber mau
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Übersichtsband, 1. Abteilung: Geschichtlicher Teil, Volume 3
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Übersichtsband, 1. Abteilung: Geschichtlicher Teil
- Volume
- 3
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1887
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.64 x 22.39 cm
- Pages
- 278
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch