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„Neusonntagskind", das ist ein solches, welches an einem Sonntag im Neumond zur Welt
kommt, hat großes Glück zu erwarten. Der Hebamme zur Seite schreitet der Pathe (Gödl)
oder die Pathin (Gotl). Unterwegs darf man den Täufling nicht den Sonnenstrahlen
aussetze», da er sonst sommersprossig wird. Im Lieserthal gibt man derjenigen Person,
der man am Weg zur Kirche zuerst begegnet, eine Semmel, die man die „Plappersemmel"
nennt, weil es zutreffen soll, daß gedachte Person in der Regel eine rechte Plaudertasche
ist. Im Dorfwirthshaus wird eingekehrt, um ein wenig „abzurasten". Beim Taufact
darf man nicht vergessen, das „Faschengeld" in die Einbanddecke zu stecken, gewöhnlich
einen Thaler, damit es mitgeweiht werde; dieser Thaler wird dann als Schatzgeld
sorgfältig aufbewahrt. Bei den Gailthaler Slovenen gibt man auch ein beschriebenes Blatt
Papier dazu, damit das Kind einmal recht gescheidt und reich werde. Nach der Taufe geht
man mit dem neuen Weltbürger wieder schnurstracks ins Gasthaus, wo ein gutes Mahl
eingenommen wird. Weniger Vermögliche müssen sich mit Wein und Kaffee begnügen. In
heiterer Stimmung wandert man dann heimwärts; die Hebamme trägt das Kind nun viel
leichter, denn aus einem Heiden ist ein Christ geworden. Man beeilt sich, um vor Betläuten
nach Hause zu kommen, denn nach dem Avelänten darf man das Kind nicht mehr ins
Freie tragen, sonst wird ein Wechselbalg daraus. Bei den Gailthaler Slovenen pflegt
man am dritten Tag nach der Taufe dem Kinde in einem besonders ceremoniellen Bade
einen Schlüssel, eine Betschnur und ein Licht in die Hand zu geben. An dem leichteren
oder festeren Handdruck, mit dem das Kind einen dieser Gegenstände faßt, will man seine
künftigen Anlagen und Neigungen erkennen. Der Schlüssel deutet auf Sparsamkeit, die
Betschuur auf Frömmigkeit, das Licht auf frühzeitigen Tod.
Die erste Taufe nach Ostern heißt im Gailthal beim Volke die neue Taufe und es
war noch vor wenigen Jahren dem Pfarrer dafür eine besondere Gabe zu entrichten, in
letzterer Zeit ein Silberthaler, eine Erinnerung an den „Osterbock", eine unter dem
Namen kireus pasekalis bekannte Abgabe pro primo inkante bapti^ancko.
Die Verpflichtungen und Rechte der G'vatersleute (Pathen) sind in den Alpen-
ländern überall dieselben. Auch in den Kärntner Bergen geht man in die Vorweisat (am
Tauftag) und eine oder zwei Wochen darnach in die Nachweifat, verabreicht der Wöchnerin
unter anderen Gaben einen Hahn oder eine Henne uud dem Täufling das Taufpfadl
(Hemd) und Gotlröckl, im Lieserthal „Krössenhemdl" (Chrisamhemd) und ein gestricktes
Hänbl. Im Lieserthal gibt man auch mehrere Auislaibl und große Kipfel, die man
„Fingerstrich" nennt. Auch die Nachbarsleute kommen im Lieser- und Gailthal in die
Weisat, bringen allerlei Gaben und werden dafür mit Sträuben, Kaffee zc. bewirthet.
Alljährlich erhalten die „Götaklan" (Pathenkinder) von den G'vaterslenten zu
Ostern einen Reindling und ein paar gefärbte Eier, zu Weihnachten und Allerheiligen
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Kärnten und Krain, Volume 8
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Kärnten und Krain
- Volume
- 8
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1891
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 16.41 x 23.03 cm
- Pages
- 532
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch