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Beginn ausbedungen hat. Dieser kärntnische Teufel ist ein wahres ^lixtuin couipositum
von allen möglichen Eigenschaften und Zügen, wie sie kamn zahlreicher in einer anderen
Mythengestalt vereinigt erscheinen.
Nicht unbedeutend ist auch der Märchenschatz der Deutscheu in Körnten. Er umfaßt
Lügenmärchen, Ostermärchen (Moralgeschichten, wie Erzählungen von den Wanderungen
Christi und seiner Apostel auf Erden) und eigentliche Kinder- und Hausmärchen. Nicht
wenige sind darunter, welche unbedenklich dem an die Seite gestellt werden können, was ,in
der reizenden Sammlung der Brüder Grimm enthalten ist. In ihrem Stoffe, in der Art
der Composition, im Tone der Erzählung unterscheiden sich diese dentsch-kärntnischen
Märchen wenig von denen anderer deutschen Gegenden. Sie sind mannigfaltig in der
Erfindung, einfach und schlicht in der Darstellung. Treuherzigkeit und kindliche Naivetät
fehlen bei ihnen ebenso wenig als jener eigenartige Humor, welcher dem deutschen Märchen
seinen besonderen Reiz verleiht. Zum Unterschied von den Sagen ist die Handlung im
Märchen losgelöst von allen Beziehungen zu Zeit und Raum; sie spielt iu einer fremd-
artigen vom vollen Zauber der Phantasie erfüllten Welt. Die Dinge gehorchen hier anderen
Gesetzen, als sie die Wirklichkeit beherrschen. Die Pflanzen entfalten geheimnißvolle
Zauberkräfte, die Thiere reden mit Menschenzungen oder sind wohl gar „verwunschene"
Wesen, die ein Fluch oder anderes Zauberwort in ihre jetzige Gestalt gebannt hat. Weit
häufiger als gewöhnliche Menschenkinder aus den unteren oder mittleren Schichten der
Gesellschaft führt uns das Märchen Könige, Fürsten, Prinzessinnen, gute uud böse Frauen,
Hexen und Riesen vor. Manche der hier handelnden Personen tragen die Züge längst
vergangener Zeiten, aus ihrer Maske sprechen alte Götter und Göttinnen zu uns wie
verschollene Gestalten der mittelalterlichen Legende. Manchmal bedarf es keines besonderen
Scharfsinns, um in dem einen oder anderen dieser Märchen selbst nur die moderuisirte
Form eines alten Mythus wiederzufinden.
Kärnten ist auch ein unerschöpflicher Born des deutschen Volksliedes. Das
Meiste schafft und besitzt das Mittel- und Unterland, die Thäler der Glan, Gnrk, Metniz
und Lavant; ihm reiht sich im Oberland das Dranthal mit den zugehörigeil Gebieten,
dem Möll-, Lieser- und Gailthal (Dentschgail- und Lessachthal) an. In dem Schatze der
bisher gesammelten Lieder finden sich Erzeugnisse älterer Zeit neben frischen dichterischen
Blüten der Gegenwart.
Die Volkslieder der Deutschen in Kärnten sind verschiedenen Charakters. Es finden
sich unter ihnen längere Lieder, wie historische Lieder (über die Türkenzeit, französische
Invasion, Achtundvierziger-Periode), Balladen (z. B. das Lied vom todten Ritter, das
Tannhanserlied, Brambeerlied und dergleichen), ferner Jäger-, Knappen-, Handwerker-
Burschen-) und Almeulieder. Das weitaus größte Contingent stellen jedoch die vielen
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Kärnten und Krain, Volume 8
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Kärnten und Krain
- Volume
- 8
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1891
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 16.41 x 23.03 cm
- Pages
- 532
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch