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Einen betrunkenen Zigeuner hat die Welt selten gesehen. Hat er das Lieblingslied
seines Zuhörers errathen, so geigt er es ihm in das Ohr und theilt auch selber dessen
Entzücken. Und es ist in seiner Kunst ein gewisser Zauber, der selbst den Fremden mit
sich fortreißt.
Der hauptstädtische Zigeuner ist zugleich ein anständiger Bürger, der seine Steuer
zahlt und ein friedsames Familieulebeu führt. Einer der berühmtesten Primgeiger hatte
zweiundzwanzig Söhne, welche sämmtlich wackere Männer wurden. Der älteste erbte die
Geige und die Künstlerschaft seines Vaters und setzt den edlen Ruf der Familie fort,
während die übrigen alle in bürgerliche Stellungen gelangt sind; sogar ein Geistlicher und
ein Advocat sind darunter. Die meisten dieser Zigennerbanden haben auch das Ausland
bereist. Sie fanden gnte Aufnahme in Paris, London und selbst jenseits des Weltmeeres,
sehnten sich aber trotzdem „heim", denn anderswo ehrt und bezahlt man vielleicht den
Zigeuuerküuftler besser, aber man liebt ihn nicht so wie in Ungarn.
Andachten.
Bisher haben wir die Bevölkerung Budapests nur bei ihreu weltlichen Belustiguugeu
betrachtet; wir wollen sie jetzt bei ihren Andachten aufsuchen.
Die Beweise dieser Audacht sind die Kirchen selbst. Die schönen Gotteshäuser
Budapests sind nicht dnrch die Herrscher, nicht durch die Kircheusürsteu errichtet wordeu,
sondern durch die Cousessionen, welche ihre Scherflein zusammenlegten: Nömisch-
Katholische, Griechen, Resormirte, Evangelische nnd Juden gleichermaßen. Und diese
Kirchen sind immer voll, uud es werdeu ihrer immer mehr, deuu die alteu siud uicht im
Stande die Andächtigen auszunehmeu. Die Baukosten der hochragenden Leopoldstädter
Basilica hat zum bedeutenden Theile die Hauptstadt ans ihren eigenen Einkünften bestritten,
so daß jede Confeffion ihre Steuergroschen dazu beitrug. Uud da die Hauptstadt selbst der
Patron ist, ergibt sich die eigenthümliche Lage, daß, wenn bei der Psarrerwahl (es gibt
14 Psarren) die Stimmen der Stadtverordnetencommission abgegeben werden, auch die
uicht römisch-katholischen Stadtverordneten sich an der Wahl betheiligen. Und Griechen,
Protestanten und Jnden trachten mit ebensoviel Eifer dem als würdigsten Erachteten zum
Siege zu verhelfen, als die dem eigenen Glanbensbekenntniß angehörigen Wähler.
Dafür gibt es vielleicht nirgends auf der Welt ein Beispiel.
Es gibt Festtage, an denen die Andacht die Schwelle der Kirche überschreitet nnd
hinaustritt auf die grasbestreuten Straßen.
An den Hauptfeiertagen, an den Frohnleichnamstagen finden unter prächtigen
Ceremonien Umgäuge statt, während welche» der Verkehr iu viele» Straße« feiert.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch