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mung eines kämpfenden Volkes und darum müssen es auch die Mitglieder der Ungarischen
Akademie fühlen, daß sie nicht nur Gelehrte und Schriftsteller, sondern zugleich
die Wachtposten der höchsten geistigen Interessen Ungarns sind." Und in der
That, obgleich die Akademie ihre Thätigkeit auch weiter nur unter der Controle des kaiser-
lichen Regiernngscommissärs fortsetzen konnte, haben Sprache und Literatur und mit ihnen
die Erhaltung, die Kräftigung der Nationalität, die Stärkung der sittlichen Macht des
ungarischen Geistes in den Tagen des germanisirenden Absolutismus vielleicht das Meiste
der Akademie zu danken. Als die nationalen Institutionen in Trümmern lagen, konnte man
nur von der Rednerbühne der Akademie herab bei einzelnen festlichen Anlässen zur ganzen
Nation sprechen. Von dieser Rednerbühne herab trachteten Graf Emil Deffewffy, Franz
Toldy und namentlich Baron Josef Eötvös, dieser als Denkredner großer Todten, Balsam
in die Wunden der Nation zu träufeln und ihren Glauben an die Zukunft zu nähren.
Das größte Ereigniß für die Akademie ist in diesem Zeitraume der Bau ihres
Palastes, gleichsam als ihre zweite, materielle Begründung. Bisher war ein großer Theil
ihrer bescheidenen Einkünfte für die Bezüge der ordentlichen Mitglieder und für Wohnungs-
miethe aufgegangen. Auf die Herausgabe von Büchern konnten kaum ein paar Tausend
Gulden verwendet werden. Die Körperschaft, die den Ausdruck der ungarischen Wissen-
schaftlichkeit bildete, mußte sich in einem engen, weder recht geeigneten, noch hinreichend
stattlichen Zinshause ducken, zuerst im Derra'scheu Hause der Donauzeile (jetzt Frauz
Josephs-Platz Nr. 5), dann bis Ende 1865 im Trattner-Kärolyischen Hause der
Kronprinzengasse, wo sie weder ihre ansehnliche Bibliothek von bereits 60.000 Bänden,
noch die anderen Sammlungen ordentlich unterbringen konnte. Da brachte (1859) Graf
Emil Deffewffy, der die kostbarsten Tage seines Lebens der Sache dieses wichtigen
nationalen Instituts geweiht hatte, eine großgeplante Bewegung in Fluß, um der Akademie
zu einem schönen und gut eingerichteten Palaste zu verhelfen. Er ergriff die günstige
Gelegenheit, indem er bei der hundertsten Jahreswende der Geburt Frauz Kaziuczys,
welche die Akademie durch eine Feier im Prunksaale des Ungarischen Nationalmuseums
beging, sich an die Opferwilligkeit der durch Gefühl und Begeisterung in Eins ver-
schmolzenen Nation wandte, um ihr den Kämpen der Literatur stets bewiesenes Interesse
noch zu steigern. In der Rede, mit der er die Festsitzung dieses Jahres eröffnete, gab Graf
Emil Deffewffy das Schlagwort aus: „Die Wissenschaft hat kein Haus!" Und er warf
vor der öffentlichen Meinung der Nation die Frage auf, „ob denn die großen Angelegen-
heiten, denen die Akademie geweiht ist, es nicht verdienen, daß wir diese Bedürfnisse nicht
länger ungedeckt lassen, sondern sie in den Besitz eines würdigen und stattlichen Heims
setzen, worin sie unter Verhältnissen, welche den von ihr vertretenen großen Interessen
entsprechen, ihre Thätigkeit mit vermehrten materiellen Mitteln fortsetzen könne?"
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch