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künstlerisch auszudrücken gewußt hat. Freilich läßt sich dies eigentlich nur von den hervor-
ragendsten der neueren ungarischen Dichter behaupten, doch ist es nicht zu leugnen, daß
auch einige ältere Arbeiter der ungarischen Literatur an das europäische Niveau Hinaureichen,
denn auch die alten ungarischen Schriftsteller verschlossen sich nicht jenen geistigen
Bewegungen, welche vor Jahrhunderten, von verschiedenen Quellen ausgegangen, das Licht
der Cultur zu verbreiten begannen. Wohl hat der Glanz der Renaissancezeit nicht so tief
auf die ungarische Literatur eingewirkt wie auf manche andere, dagegen offenbart sich die
religiöse Andacht des Mittelalters, mit der in Ungarn der patriotische Gedanke eng ver-
knüpft war, bei wenigen Völkern ergreifender als in der ungarischen Lyrik, und die sittliche
Auffassung des Mittelalters kaum irgendwo tiefer als etwa in den rhetorischen Werken des
Pelbart von Temesvär. In den Kämpfen der Reformation spielen die ungarischen Schrift-
steller eine nicht minder bedeutende und rühmliche Rolle als die Staatsmänner. Ebenso
finden sich unter den muthigsten und wirksamsten Kämpen der nachfolgenden katholischen
Reaction auch ungarische Schriftsteller und Dichter. Und als diese Stürme ausgetobt
hatten und die Nation sich von ihrem jahrhundertelangen Kampfe auf Leben und Tod
erholte, waren es ihre Schriftsteller, die ihr Hoffnung einzuflößen begannen, indem sie die
Mittel und Wege des Fortschritts erkannten; so wurde die Literatur zur Retterin und
immerdar kräftigenden Stütze der Nationalität. Als dann endlich der Versuch gemacht
wurde, die politische Unabhängigkeit des ungarischen Staates wieder zu beleben und seine
Rechte zurückzugewinnen, waren es abermals die Dichter, welche die Nation zu festem
Ausharren, zum Schutz altererbter und zur Erkämpfuug neuer Rechte anfeuerten. Die
größten Staatsmänner Ungarns waren selbst hervorragende Schriftsteller und ihre Zeit-
genossen, die Dichter, die an dem 1825 begonnenen, bis 1867 währenden Kampfe teil-
nahmen, stehen auf den höchsten Entwicklungsgipfeln der nationalen Literatur.
Wie sich die Geschichte der ungarischen Literatur gestaltet hat, das soll den Gegen-
stand der folgenden kurzen Darstellung bilden, die auch versuchen will, die einzelnen
Perioden nach ihren Hauptideen und deren bedeutendsten Vertretern zu kennzeichnen.
I.
Geschichte und Literatur der Völker beginnen gleicherweise mit Sagen. Während
jedoch bei anderen Völkern die Fäden der Sagen, welche die einzelnen Heldenthaten der
Urzeit aufbewahren, durch den schaffenden Geist der Jahrhunderte zu einem einheitlichen
Ganzen verwoben erscheinen, sind im Gegentheil die ungarischen Heldensagen (über Attila,
die Kämpfe der Söhne Attilas, den Heerzug Csabas, die Wanderungen der Vorfahren,
die Herzoge, die Eroberung des Vaterlands nnd die ersten ungarischen Könige), wie sie
in einzelnen Theilen der Chroniken, offenbar nach Daten der vom Volke gesungenen
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch