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In das dunkle Labyrinth der Sagen fällt erst zu Anfang des XIII. Jahrhunderts
einiges Licht durch die ersten schriftlichen Denkmäler in magyarischer Sprache, die
Leichenrede nebst dem ihr angeschlossenen Gebet (Facsimile im I. Band „Ungarn",
Seite 73) und das Königsberger Fragment. Jenes ist das erste magyarische Denkmal
in Prosa, dieses das erste in Versen, der Schluß eines Liedes zum Lob der Jungfrau
Maria, mit dem die Reihe der ungarischen Übersetzungen von Gesängen im Mittelalter
beginnt. Die Leichenrede bezeichnet schon einen ziemlich hohen Entwicklungsgrad der
ungarischen Sprache und Rhetorik. Ihr ungenannter Verfasser weiß in der kurzen, oft kaum
articulirbaren Fassung die religiösen Ideen leicht und ohne Anstrengung auszudrücken.
Vom XIII. bis zum Anfang des XIV. Jahrhunderts sehen wir die Arbeiter der
Literatur, deren Werke uns durch mehrere Codices aufbewahrt sind, größtentheils mit
Übersetzungen und Bearbeitungen beschäftigt. Im Zusammenhang mit dieser Richtung
entwickelt sich der Stoff der altungarischen Sagen, also die Volksdichtung weiter, deren
spärliche Blüten durch die ungenannten Heldensänger zum Kranz gefügt wurden. Gegen
Ende des XIV. Jahrhunderts tritt jedoch auch in Ungarn die Renaissance ein, deren Geist
zuerst durch die hohe Geistlichkeit der Aujou-Zeit aus Italien eingeführt wurde. Zwar
fällt die Blütezeit des ungarischen Humanismus in die zweite Hälfte des XV. Jahr-
hunderts, unter König Matthias, doch strebt schon früher Johann Vitez, Kanzler des
großen Johannes Hnnyadi, als Bischof von Großwardein danach, seine Hauptstadt zu
einem wahren ungarischen Florenz zu erheben. Er versucht hier zuerst die Werke der
alten Classiker nicht nur in Äußerlichkeiten, sondern auch in ihrem Geiste nachzu-
ahmen. Wie die Medicäer, versammelt auch Vitez durch glänzende Anträge hervor-
ragende Humanisten um sich: Vergerio aus Florenz, den Griechen Podakataro, den Polen
Sanocky. Als er 1465 durch König Matthias zum Erzbischos von Gran ernannt wird,
hat er noch mehr Gelegenheit, den ungarischen Humanismus zu pflegen und zu entwickeln.
Galotti von Ferrara, Gatti, Brandolini, Regiomontanns und andere copiren alle für ihn
die Werke der griechischen und lateinischen Schriftsteller, welche kostbar gebunden werden.
Die Grauer Bibliothek wird zu jener Zeit weithin mit Bewunderung erwähnt. Bonfini
spricht mit Entzücken von den Gärten, die zwischen den Säulenhallen der Bibliothek
blühen, von den gold- und elfenbeinstrotzenden Schränken, den Gemälden der Säle und
den Statuen, die den ganzen Palast schmücken. In diesen Säulenhallen versammeln sich
um den Kirchenfürsten die ganze Schar der Humanisten, die Gelehrten und Künstler, um
sich in wohlgesetzter und gewählter Sprache über die erhaltenen Werke antiker Weisheit
zu unterhalten.
In dieser Hinsicht folgte König Matthias seinem Beispiel. Die Bibliothek, jene
berühmte Eorvina, die er in seinem Ofner Palast aufstellte, ist eine der glänzendsten
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch