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Übersetzungen und Bearbeitungen in Vers und Prosa, welche uns in dem Wiener,
Münchner, Ehrenfeld'schen, Erdy'schen, Nenhäuseler und noch zahlreichen anderen Codexen
von der ersten Hälfte des XV. bis zum Anfang des folgenden Jahrhunderts aufbewahrt
sind, enthalten biblische Geschichten, Legenden, heilige Gesänge, patriotische Gefühls-
äußerungen. Unter den Prosastücken ist wohl das schönste und der besonderen Hervor-
hebung würdigste die Hymne über den Tod aus dem „Buch der Parabeln", die mit ihrem
wiederholten Refrain: „Ich gehe hin zu sterben" eine gewaltige Klage ist, voll Entsagung
und Verachtung der Welt, kraftstrotzend in der Empfindung uud erhaben in der Sprache.
Ergreifend und aus dem tiefsten Quell der Poesie geschöpft sind besonders die Lamen-
tationen der Maria, deren reichen Stoff jene Codices in ungebundener Rede aufbewahrt
haben; unter den Bearbeitungen in Versen aber gebührt der erste Platz unstreitig den
Hymnen des heiligen Bernhard. Die Sprache des ungenannten Bearbeiters dieser Hymnen
ist noch nicht ganz glatt, doch hat sie eine rhythmische und wahrhaft veranschaulichende
Kraft, auch offenbart sich in ihr eine solche Innerlichkeit uud tiefe Audacht des Empfindens
wie kaum noch irgendwo in der ungarischen Lyrik des Mittelalters. Ihr Ton ist erhebend
und geht ans Herz — man glaubt das Original zu lesen, das der ungenannte Bearbeiter
sozusagen nur als Vorbild für sein Werk benützt hat. Als Beispiel, so weit es in der
deutschen Übersetzung noch erkennbar bleibt, diene folgende Strophe aus der Hymne:
„An deu gekreuzigte» Christus":
Du erkenn' mich, süßer Heiland! Nicht ist Mühe, nicht mir Plage,
Mich betrübt dein heilig Leiden. Süße ist und Lust die Klage,
Jammre um dich reinen Herzens, Wie ich wach' ob deinem Harnie,
Wünschend, wollend Theil der Schmerzen. Dich an deinem Kreuz umarme.
Zu dieser Innigkeit des Gefühls kommt noch in manchen Legenden, wie in der vom
heiligen Alexius, eine große Einfachheit der Erzählung, wogegen die Legende der heiligen
Margaretha, dieses treue Zeitbild von mittelalterlichem Glaubenseifer und Mönchsleben,
mehr zur Trockenheit der Chronik neigt. Weit wichtiger jedoch für die Geschichte der unga-
rischen Dichtung ist die Legende der heil igenKatharina, Tochter des Königs Costus
von Egypteu, deren Geburt, Lebeusfchicksale und Märtyrerthum da erzählt werden. Diese
Legende zeigt in charakteristischer Weise die naive Auffassung der Zeit, in der sie entstand;
man sieht in ihr die völlige Befangenheit und Geistesbeschränktheit einer scholastischen
Meditation, aber in einer Sprache von ganz individueller Kraft ausgeprägt, in schönen
Ausdrücken und großentheils auch in regelmäßig pulfirendem Rhythmus. Die Wirkung
dieser Eigenschaften scheitert nicht einmal an der kühnen Ordnung der Zeilen, ihrer
Ungleichheit und dem häufigen Mangel an Harmonie. Obgleich das lehrhafte Element
in dem Werke übermäßig viel Raum einnimmt und die langwierigen Disputationen nicht
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch