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Fortbildung zu verbinden wußte. Seine Sprache ist rein, biegsam, magyarisch. Er kennt
die Sprache des Volkes genau und nicht minder die europäischen Sprachen, alle müssen
ihm als Quellen dienen für seinen Stil. Wir finden bei ihm eine ganze Sammlung
volkstümlicher Redensarten, Ausdrücke, Wendungen zusammengefaßt nnd angewendet.
Seine auf Neuerung und Sprachbereicherung bedachte Feder ist gleichsam der Herold
einer künftigen Zeit, welche die bewußte Ausbildung der magyarischen Sprache und die
Befestigung der Nationalität als ihr wichtigstes Ziel betrachtet hat.
IV.
Das halbe Jahrhundert nach dem Szathmarer Frieden (1711) ist, wie in den
anderen Staaten Enropas, auch in Ungarn eine Zeit der Erstarrung des historischen
Sinnes. Die Idee der Nationalität, der Race lebte blos als Keim fort und begann nur
hier und dort unter dem Morgenstrahl einer fernen Zukunft aufzugehen. Die Magnaten,
welche den Thron Maria Theresias gerettet hatten, schienen an dem Hofe der anmuths-
vollen Königin ihre Nationalität gleichsam zu vergessen, nicht etwa aus bösem Willen,
sondern in Folge der allgemeinen Richtung des Zeitgeistes, besonders aber weil das
herrschende Regierungssystem der Entwicklung des nationalen Lebens und Geistes nicht
förderlich war. Von der französisch-deutschen Bildung förmlich bezaubert, gaben sie
ihre nationale Sprache und Sitte gerne für die fremde hin; der niedere Adel jedoch und
das städtische Bürgerthum blieben auch weiterhin treue Wächter der ungarischen Nationalität
und Verfassung. Vom niederen Adel ging die Neuschaffung der Literatur aus, eine segens-
reiche Arbeit, welche die Nation nicht sowohl mit einzelnen Meisterwerken beschenkte, als
vielmehr den Grund zur ungarischen Cultur der Neuzeit legte, also durch eine allgemeine
Einwirkung die Literatur in Schwung brachte.
Der Fortschritt des öffentlichen Geistes, der sich nach der Erwerbung der fremden
Bildung sehnte, erhielt eine neue Richtung durch den Literatenkreis, der in der ungarischen
Leibwache zu Wien, unter den Gardisten entstand und dem sich noch Andere im Vaterlande
selbst anschlössen. Vaterlandsliebe uud Schriftstellerruhm waren in ihrer Seele verschmolzen,
und mitten im Getöse der Weltstadt, in Wien, einem der damaligen Brennpunkte
sranzösirter Bildung, dachten sie bekümmert zurück an ihr früheres ödes Leben, an die
Betäubung der Nation; der Ruf der Zeit schlug an ihr Ohr und sie warfen sich auf das
Studium der alten Elassiker, besonders aber der französischen Dichter und Philosophen, um
durch gegenseitige Aufmunterung gestärkt, Lehrer und Erzieher ihrer Nation zu werden.
Die Gardisten-Schriftsteller wünschten durch die Ideen der französischen Philosophen
des XVIII. Jahrhunderts den öffentlichen Geist Ungarns zu verjüngen und die ungarische
Bildung aufzufrischen; daher nennt man ihren Kreis gewöhnlich die französische
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch