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fanden künstlerischen Ausdruck in dem Gedicht: „Lebensphilosophie", wo es unter
Anderem heißt:
Hab' gelebt, daß ich genießen ! Hab' geseh'n des Lenzes Lächeln
Möcht' mein Leben noch einmal, ! Und den Sommer, der sich sonnt.
Hab' gelebt, daß ich beschließen Hab' geseh'n im Glüh'n und Fächeln
Könnt' mein Leben ohne Qual; Jeden Erden-Horizont.
Durchgeküßt der Rosen Garten, Sollt' ich ew'ge Zeiten leben.
Durchgekeucht den Pfad, den harten. Könnten sie nicht mehr mir geben.
Nach und nach gelangte Berzsenyi zur Überzeugung, daß, wer eine so ruhmreiche
Vergangenheit hat wie der Ungar, denn doch nicht ganz elend untergehen könne und daß
eine Nation, welche so patriotische, selbstaufopfernde Führer wie die Eszterhazy, Wesselenyi,
Festetics, Szechenyi u. s. w. und Schriftsteller wie Viräg, Alexander Kisfaludy, Johann
Kis, besonders aber Kazinczy hat, auch noch in der Zukunft leben müsse. Niemandes
Laufbahn bewegte ihn tiefer als die Kazinezys, dessen Gestalt in der That auch uns in
umso riesigeren Verhältnissen erscheint, aus je größerer Entfernung wir ihn betrachten.
Franz Kazinczy steht unter den Neuschöpfern des ungarischen Schriftthnms in
der ersten Reihe und noch jetzt fühlt die Literatur die ungeheure Wirkung seiner Thätigkeit.
Er vereinigte in sich die lebensfähigsten Ideen seiner Vorgänger und bahnte schon in
jungen Jahren eine Bewegung an, die ihm alsbald die Führerrolle sicherte. Er weihte
sein Leben dem Fortschritt der Ideen, der Verschönerung des ungarischen Stils in Poesie
und Prosa, der Ausbildung und Ausfeilung der ungarischen Sprache, der Veredlung des
Geschmacks und der Verbreitung europäischer Bildung. Sein Bestreben war, die großen
Überlieferungen Beffenyeis und Revais zu vereinigen, und seine glänzenden Talente, sein
liebenswürdiger, schmiegsamer Charakter, die Feinheit seines Geschmacks, seine eingehende
Kennwiß der ausländischen Literaturen drängten ihn sozusagen unbewußt auf die Bahn
des Reformators, zu einer Thätigkeit von unbestreitbarem Verdienste und erstaunlichen
Erfolgen,insofern sie vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis zu dem Auftreten Szechenyis
die ungarische Sprache und Literatur, ja weiterhin die ungarische Nationalität überhaupt
nebst ihrer politischen Stellung und ihrem Verhältniß zu Europa neugeschaffen hat.
Er war am 27. Oetober 1759 zu ^r-Semlyeny (Biharer Comitat) geboren. Seine
Empfänglichkeit für die Literatur erwachte frühzeitig, in seiner Seele keimten von vorn-
herein Eigenschaften, die dem Schriftsteller schon früh die nachhaltigsten Erfolge brachten
und deren die Literatur auf das dringendste bedürfte: eine große und tiefe Empfänglichkeit
für das künstlerisch Schöne, für das Ideale, das Streben nach diesem, eine feine gesell-
schaftliche, sowie literarische Bildung und Geschmeidigkeit, der Urquell seines späteren
edlen, wählerischen, ja feinschmeckerischen Geschmacks. Mit kaum zwanzig Jahren, nachdem
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch