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da an rang er mit den schweren Sorgen des Lebens an der Seite der Gräfin Sophie
Török, die er 1804 geheiratet hatte, und von einer wachsenden Familie umgeben, aber die
Sorgen des Lebens konnten sein starkes Interesse für Literatur und Bildung keinen
Augenblick zurückdrängen. Im Jahre 1806 zog er sich nach Szephalom am Fuße des
Satorhegy im Zemplener Comitat zurück und führte von hier aus mit großer Energie die
Sache der ungarischen Literatur etwa zwanzig Jahre lang; von hier aus begann er den
Kampf der Spracherneuerung durch die Herausgabe der Sylvester'scheu Sprachlehre, durch
sein Werk: „Dornen und Blumen" (lovissk es viräAok), durch die Biographien von
-Dayka und Baröczy, durch neun Bände seiner Werke und seine verschiedenen Repliken auf
die gegen ihn gerichteten Angriffe.
Die Spracherneuerung wurde eigentlich nicht durch Kaziuczy begonnen. Einzelne
Anläufe dazu zeigen sich schon seit dem XVI. Jahrhundert, doch nahm die Bewegung
besonders gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts größere Verhältnisse an. Der Zustand
der ungarischen Sprache war nämlich in der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts in
Folge der fremden Bildung und namentlich wegen des herrschenden Gebrauches des
Lateinischen sehr verderbt. Selbst die nothwendigsten magyarischen Ausdrücke des geselligen
Lebens waren vergessen; die Bildungssilben, Bestimmuugs- und Bindewörter wucherten
in die Breite, das Gefühl für Reinheit der Sprache war im Aussterben begriffen. Die
Schriftsteller fühlten fast ohne Ausnahme, wie dringend es war, die Sprache zu erweitem,
und machten daher Versuche mit neuen Wörtern und Wortfügungen, wozu jedoch weder
ihr Wissen, noch ihr Geschmack ausreichte. Kazinczy war es, der Alles, was auf diesem
Gebiete seither lediglich aus dunklem Instinkt als behutsamer Versuch geschehen war,
zum Grundsatz und System erhob. Er gab diesem Streben Bewußtheit, er wies der
Bewegung ihre eigentliche Richtung und Aufgabe, indem er den grammatikalischen Stand-
punkt stets dem ästhetischen opferte. Er wußte, daß die Pflege der Sprache auch die
Umwandlung der ganzen Auffassungsweise der Nation nach sich zieht, und griff gerade
deshalb nicht nur das System, sondern auch die engherzige Auffassung seiner Gegner, der
Orthologen, scharf an, die sich auf den Sprachgebrauch, auf die individuellen Eigenschaften
der Sprache beriefen. Die Orthologen wollten die Überfetznngen nicht gutheißen, da durch
sie die neuen Wörter am meisten verbreitet würden. Kazinczy aber schrieb mit Beziehung
darauf am Ende seiner Laufbahn: „Obgleich ich wußte, wie hoch der Schaffende über dem
Nachahmenden stehe, wünschte ich doch lieber als ein nicht schlechter Nachahmender, denn
als ein nicht guter Schaffender befunden zu werden." Er drang unausgesetzt auf gründliches
Studium und wurde nicht müde, die Nothwendigkeit der Erneuerung seinen Schrift-
genossen nahezulegen, welche für die Reinheit der Sprache fürchteten, während er an ihrer
Bereicherung arbeitete. Man muß, sagte er, die Neuerungen nicht massenhaft einführen,
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch