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Lyrik in den Tiefen der Empfindung, sein nmdüstertes Gemüth findet keinen Trost und
was er singt, gehört zu den verzweiflungsvollsten Melodien der ungarischen Poesie. Selbst
wenn er einen heiteren Augenblick hat, die Angst um das Vaterland bleibt doch, denn es
ist ihm gänzlich ans Herz gewachsen. Seine Phantasie vermag sich kaum abzuwenden von
so vielen Erinnerungen des Ahnenruhmes uud der Trauer, immer kehrt sie zu diesen zurück
auch aus den Träumereien der Liebe, als fühle er, daß sein patriotisches Leid nnversieglich ist.
Kölcsey trat zuerst als Kritiker vor das Publikum. Seine Neigung zur Kritik hatte
sich schon frühzeitig entwickelt und aus den Werken von Voltaire, Schiller, Bayle und
Engel Nahrung gezogen. Fünfundzwanzig Jahre alt, schrieb er mit Szemere die „Antwort"
(^sielet) an die Orthologen jenseits der Donau, als Erwiderung auf ihr gegen Kazinczy
gerichtetes Pamphlet: (satirisch neugebildetes Wort, etwa: Äußerung) und
begann seine so bemerkenswerthen Kritiken, indem er die Werke von Csokonai, Johann
Kis und Berzsenyi zergliederte. Seine Kritiken machten eine ungewöhnliche Wirkung. Selbst
seine Feinde erkannten an, daß die ungarische Literatur noch keine solchen besessen habe,
denn sie zeigten ein gehobenes Wesen, gingen von hohen Standpunkten aus, ruhten auf
ausgebreiteten philosophischen und philologischen Kenntnissen, waren künstlerisch aus-
gearbeitet, ideenreich, von gebildetstem Geschmack und voll tiefer analytischer Begabung.
Bald erschienen auch seine bedeutenden Studien über Körners „Zrinyi" und über das
Komische, die ihn zum ersten Ästhetiker des Dramas in Ungarn machten. Kein ungarischer
Kritiker hat so befruchtend auf die nachfolgenden Schriftsteller gewirkt als Kölcsey.
Als die literarische Bewegung sich in eine politische verwandelte, betrat auch Kölcsey
die politische Laufbahn; die Reden, die er als Mitglied des Reichstages von 1832/36 über
die ungarische Sprache, das Theater, die Religionsfreiheit n. s. w. hielt, erhoben ihn
unter die ersten Capacitäten. Als Redner auf dem Reichstage, im Eomitat und später in
der Akademie war er der Erste, der in diesen Kunstgattungen wahrhaft gelungene Mnster-
stücke lieferte. Er war der Begründer der akademischen Redekunst in Ungarn. Seine
rednerischen Werke gehören zu den schönsten Erzeugnissen der Prosa-Literatur Ungarns.
Stärkere Leidenschaft pulsirt zwar selten in seinen Zeilen, aber er bewegt immer durch
poetische Auffassung, Pathos und Gehobenheit. Seine Sprache zeigt wohl den Einfluß
Kaziuczys, ist aber nicht so fremdartig und ihre Anmuth besteht mehr in den künstlerisch
angeordneten Perioden als in der Lebendigkeit.
V.
Die neuere Epoche der politischen Umgestaltung beginnt für die Nation in den
Zwanziger-Jahren dieses Jahrhunderts. Der Kampf der Schriftsteller, der die Geister
empfänglich machte für den freien Gedankenaustausch uud für die Erforschung der Wege
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch