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des europäischen Fortschritts, durchdrang die ganze Nation, welche nach den harten
Schlägen der napoleonischen Kriege, zur Vertheidigung der Verfassung und zur Entwick-
lung ihrer altererbten, aber schlummernden Kraft, auf rein nationaler Grundlage und
mit gesetzlichen Mitteln eine so großartige Bewegung in Fluß brachte, wie sie im Leben
anderer Nationen nur selten zu finden. Der heiße Drang zum Fortschritt, zur politischen
Selbständigkeit wurde immer allgemeiner und die Nation erkämpfte sich durch die fieberhafte
Thätigkeit eines Vierteljahrhunderts ihren Platz in der Reihe der westlichen Culturstaaten.
Die ungarische Poesie berührt sich auf das engste mit dem ganzen Verlaufe dieser
außerordentlich wichtige» Umgestaltung; bald bereitet sie die politischen Bewegungen vor,
bald bleibt sie ihnen als Begleiterin nahe, immer aber verkündet sie die schöpferische
Freiheit des selbständigen nationalen Geistes. Und dieser macht sie fruchtbar an Stoffen
und Ideen, an Ton und Form, ja selbst an Kunstgattungen, nachdem sie das Joch der
fremden Geister und Richtungen zerbrochen, die Übermacht des classischen Idealismus
abgeworfen und auch die erfrischenden Elemente des europäischen Romanticismns, der
nationalen Sage und Geschichte, sowie der Volksdichtung mit sich verschmolzen. In der
Poesie und ganzen Literatur erklingt ein neuer Ton, ein neues Empfinden, eine neue
Sprache. Die Lyrik hat schon früher ihren Aufschwung genommen, nun aber legen die
Dichter auch den Grund zu Drama, Epos, Ballade, Romanze, Roman, poetischer
Erzählung und Novelle; dazu erweitern sie den Kreis der lyrischen Stoffe und erheben
in den Verfassungskämpfen eine bis dahin mehr oder weniger vernachlässigte Kunstgattung,
die rhetorische Darstellung zu hoher künstlerischer Stufe. Und so wie die ungarischen
Staatsmänner bestrebt sind, das Los des armen Volkes zu bessern und diesem dann
Einlaß in die „Bollwerke" der Verfassung zu verschaffen: steigt nun auch die Phantasie
der ungarischen Dichter von dem mit altmythologischen Gestalten bevölkerten Helikon
herab zu der Gedanken- und Gefühlswelt des schlichten Volkes, die Schriftsteller sammeln
und erläutern die schönsten Blüten der Volksdichtung und führen auf diese Art die neue
Literatur zu den Quellen der alten und der Volksdichtung zurück. Der neue poetische
Inhalt erscheint in neuer Form, das heißt, die westeuropäischen und classischen Formen
gewinnen einen leichteren Rhythmus und größere Präcision, während die alten magyarischen
Versformen sich künstlerisch gestalten. Kurz, die ungarische Literatur wurde in Gedanken,
Inhalt und Form völlig national.
Diese Neugestaltung der ungarischen Poesie wird durch die Thätigkeit Karl Kis-
faludys (1788—1830) immer fühlbarer und wirksamer. Jene Dichtungsform, die bisher
keinen einzigen vorzüglichen Vertreter hatte, das Drama, erhält durch ihn den Anstoß
zur Entwicklung. Den ersten Lorbeer erntete er 1819 durch sein Drama: „Die Tataren
in Ungarn" und nach wenigen Jahren schon war er, auch durch die Begründung des
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Volume 12
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (3)
- Volume
- 12
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1893
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.49 x 21.91 cm
- Pages
- 626
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch