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das aus der slavischen Urheimat mitgebracht wurde, manche sind erst in der neuen Heimat
entstanden oder sie kamen von anderwärts auf jenen wunderbaren und räthselhaften
Wegen, auf denen sich Mythe und Märchen überhaupt von einem Volke zum anderen
verbreiten, oder sie faßten Wurzel beim Volke in einer mehr bestimmbaren Zeit, ans zum
großen Theile bekannten Quellen herrührend, wie zum Beispiel die Sage von der Melusine,
vom Bruncwik (Brunclik) und seinem Zauberschwerte, das jetzt in der Prager steinernen
Brücke eingemauert ist und einst zur Zeit der größten Gefahr bei der Vernichtung der
Feinde des böhmischen Königreiches mithelfen wird.
In den böhmischen Mythen und Sagen spiegelt sich, wie in jenen der anderen
Völker, eine kindliche, Phantasie- und poesiereiche Auffassung der Natur, in ihnen bergen
sich die Erinnerungen an die heidnische Zeit, an den Cultus der alten Götter, oder es
wird darin das Andenken an historische Personen und denkwürdige Orte bewahrt. Auch
dem Christeuthum entsprangen zahlreiche Sagen, die mit reizender Naivetät, ja oft mit
Humor von Christus und seinem Begleiter Petrus erzählen.
Die böhmischen Volksmythen erklären den Ursprung verschiedener Geschöpfe und
Erscheinungen. Sie erzählen von dem Ursprung des Pferdes, der Bienen, wie der Donner
und Anderes entstanden, und berühren namentlich häufig das Pflanzenreich, zu dem wie
überhaupt zu der ganzen Natur das empfängliche Gemüth des slavischen Volkes eine
große Neigung zeigt. So erfahren wir aus den Volksmythen, warnm das Korn roth
aufgeht, welchen Ursprungs die Schwämme sind oder das Stiefmütterchen und die wilde
Nelke (viantlms <7>artkusianorum), die aus den Blutthränen der Mutter Gottes roth auf-
geblüht sei, als sie deren Sohn auf Golgatha begleitete.
Vom Feldthymian heißt es, daß sich in ihm die Seele der verstorbenen Mutter
niederließ, als sie sich ihrer unglücklichen Kinder, die jeden Morgen zu ihrem Grabe kamen
und wehklagten, erbarmte; sobald sich das Grab mit diesen duftenden Blümchen bedeckte,
erkannten die Kinder die Mutter nach ihrem Hauche und daher nennen sie es: „inuteri
äouSka" (Mutterseele). Und in Lilie und Rosmarin, die auf dem Grabe einer keuschen
Jungfrau blühen, wohnt eben die Seele dieser Jungfrau; nachts wandelt sie traurig im
Garten herum, bis sie ein königlicher Prinz sieht und mit ihr eine (unglückliche) Ehe eingeht.
Von der Zitterpappel erzählt das Volk, sie sei dazu verflucht, daß ihr Laub ewig zittere, weil
sich an ihr Judas erhängte. Aus der Zaunrübe (Li^onia ckioica), die des Glückes wegen
beim Hause gepflanzt wird, entsteht mit der Zeit der Hausgeist (kospockätieek), der dem
Hause Geld und Glück bringt.
Häufig ist das menschliche Leben mit jenem der Bäume verknüpft. Die Seele eines
verheirateten Weibes ging bei Nacht immer in eine Weide, und als der Mann auf den
Rath einer alten Wahrsagerin die Weide fällte, da starb sogleich auch das Weib.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Volume 14
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (1)
- Volume
- 14
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1894
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.78 x 21.93 cm
- Pages
- 634
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch