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Feste und Bräuche der Slaven.
Die Feste und Bräuche der Slaven in Böhmen haben sich trotz des nivellirenden
Einflusses der Civilisation bis auf den heutigen Tag namentlich unter der Landbevölkerung
ziemlich rein erhalten und manches Eigenthümliche und Urwüchsige bewahrt, wodurch sie
sich von den Sitten und Bräuchen anderer Völker unterscheiden und die Aufmerksamkeit
des Folkloristen auf sich leukeu. Zwar weichen dieselben vor dem Pfeifen der Loeomotive
und dem Lärm der Fabriksmaschinen, namentlich aber unter dem Einfluß der modernen
Schule und in Folge polizeilicher Verbote in die entlegensten Winkel immer mehr zurück
und sind bereits, besonders im Flachland, großentheils geschwunden, aber noch immer
begeht der Landmann allenthalben das Erntefest und die Weihnachtsfeier in alther-
gebrachter Weise, noch immer werden die Johannisfeuer angezündet und die Maibäume
aufgestellt, überall finden noch die volksthümlicheu Ostergebräuche mit Schmackostern statt
und die Kirchweih bildet auf dem Lande den Glanzpunkt des Jahres. Auch die Hochzeiten
haben ihre ursprüngliche Frische und Mannigfaltigkeit bewahrt.
Nicht minder leben die alten mythologischen und abergläubischen Vorstellungen noch
heute im Volke: noch immer glaubt der Bauer an die Feld- und Waldgeister (an die
polsäiuce -- Mittagsfrau, an den wsni irm? — Waldmann und die lesni pannu — Wald-
nymphe, an die tesni oder ckive — Wald- oder wilde Weiber), an den Wassermann
svmliuk, vu!^«> dastrmkm), an die Hauskobolde (skritek, twspoäätiöek), an die
Schicksalsstauen (suckiek)-) und an die Drude (müru); uoch immer fürchtet er sich vor dem
Behexen und Beschreien (uöurovüiii a urknuti) und wendet dagegen verschiedene Mittel
an. In Krankheitsfällen sucht er Hilfe bei alten Frauen, welche die Krankheit durch Zauber-
formeln und Zaubermittel verscheuchen u xaöelinävaji).
Um dem uns bemessenen Ranme Rechnung zu tragen, werden wir bestrebt sein,
die Feste und Bräuche des cechischeu Volkes mit Hintansetzung des minder Wichtigen
in möglichster Kürze zu schildern und dieselben nach den Kalendertagen ordnen, indem sich
auf diese Art für ihre Einreihnng eine natürliche Grundlage bietet.
Jahresfeste und Bräuche. — Neujahrs tag (nov^ rok, 1. Januar) ist der
Tag der Gratulationen und Nenjahrsbescheeruugeu. Dieser Tag ist für das ganze Jahr
von Vorbedeutung, denn was man am Neujahrstag thut, wird mau das ganze Jahr
hindurch thun: wer an diesem Tage gesund ist und Geld hat, der wird das ganze Jahr
gesund sein und Geld haben u. s. f.
Am Vorabend des heiligen Dreikönigtages gießen die Mädchen geschmolzenes
Blei oder Wachs ins Wasser und suchen aus den so geformten Figuren ihre Zukunft zu
errathen. Auch werden kleine Wachskerzen in leere Nußschalen gestellt, angezündet und
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Volume 14
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (1)
- Volume
- 14
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1894
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.78 x 21.93 cm
- Pages
- 634
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch