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jetzt das „Dreikönigsspiel" erhalten, welches zu einem kurzen Dialog der drei
„Sterndeuter" zusammengeschmolzen ist und von meistens der Schule entwachsenen
Knaben aufgeführt wird. Wie nun diese für Groß und Klein berechnete Unterhaltung
immer mehr zurückgedrängt wird, so geschieht es auch mit dem „Nikolaispiel", welches
bereits zu einem Schattenspiel herabgesunken ist. An die Spiele der alten Zeit erinnert nur
noch das „Betlehem", welches man in einigen Dorfkirchen und auch hier und da in den
Bürger- und Bauernstuben findet.
Die zweite Gruppe umfaßt die „Osterspiele", welche einerseits die Kreuzigung,
anderseits die Auferstehung Christi zum Gegenstand haben. Obwohl bei diesen Spielen
eine größere Anzahl von handelnden Personen erforderlich war, was einigermaßen ihr
Aufkommen behindern konnte, so gehörten sie doch zu den beliebtesten Spielen, so daß sie
an jedem Sonntag von Ostern angefangen bis lang in den Sommer hinein aufgeführt und
von der Bevölkerung der ganzen Umgegend wie auch aus der Ferne aufgesucht wurden. An
dramatischer Conception und theatralischem Aufwand stehen sie in keiner Beziehung hinter
den mittelalterlichen Passionsspielen zurück; man kann sogar in ihnen die geschickte, an dem
Schuldrama erprobte Hand des ursprünglichen unbekannten Zusammenstellers erkennen.
Sie beginnen mit einem Chor, wozu meistens die in der Fastenzeit beliebten Kirchenlieder
verwendet werden; das Anstimmen dieser Lieder wiederholt sich während des Spieles
zwischen den einzelnen Bildern, aus welchen das Ganze besteht und die sich aneinander
so anreihen, wie sie in der Bibel vorkommen. Dies hat zur Folge, daß der Zuhörer immer
wieder in eine religiöse Stimmnng versetzt wird, was sich besonders dann empfahl, wenn
etwa die burlesken Späße einzelner komischer Figuren, wie die des Teufels oder des
Todes, die Aufmerksamkeit von der Haupthandlung abzulenken drohten. Mit den alten
Passionsspielen haben diese Spiele auch das gemein, daß sie aus einer Reihe von kleineren
oder größeren Bildern bestehen und dem Zuschauer nichts überlassen, was er sich hinzu-
denken sollte, weil Alles vor seinen Augen dargestellt wird. Daher sind diese Spiele durch-
wegs sehr umfangreich, mitunter selbst langweilig, obwohl es nicht an dramatisch wirksamen
Scenen, wie z. B. die Unterhandlung des Judas Jschariot mit den Hohenpriestern und
dem hohen Rathe, fehlt.
Die dritte Gruppe bilden alttestamentarische Stoffe, bei welchen der biblische
Inhalt zu Grunde gelegt wurde. Die Hauptfiguren waren Moses, Josef von Egypten,
Samson, Tobias, Samuel, Saul und Esther.
Die vierte Gruppe, welche so wie die vorige durch die Gestalt des Kasperle beeinflußt
und mehrfach durch die gänzlich volksthümliche Auffassung zersetzt wurde, umfaßt neu-
testamentarische oder ganz moderne Stoffe, in denen man schon den Einfluß des immer
mehr aufblühenden Kunstdramas erblicken kann. Wir finden hier den heiligen Ivan,
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Volume 14
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (1)
- Volume
- 14
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1894
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.78 x 21.93 cm
- Pages
- 634
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch