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Nach dem Osterfest, als dem Hauptfest des Frühlings, hat seit altersher die Feier
der Sommer-Sonnenwende, die als eigentliches Sommerfest zählen kann, die der ganzen
Entwicklungsgeschichte nach hervorragendste Bedeutung. Wie die vorangehenden besitzt
auch dieses ein gewisses Vorfest. Die Walpurgisnacht (am letzten April) ist ebenso eine
Geisternacht wie die Andreasnacht vor Weihnachten und bereitet wie diese auf die Haupt-
feier vor. In der Walpurgisnacht, am sogenannten „Hexenabend", trat ebenfalls seit jeher
das Bestreben des Volkes hervor, sich mit der Geisterwelt entsprechend abzufinden, um
etwaige böse Einflüsse der Geister über Sommer unschädlich zu machen. Aus diesem
Bestreben ergibt sich der allgemein geübte, meist in einem Umzug uuter Führung des Dorf-
hirten bestehende Brauch: das „Hexenabendansplatzen" (Hexenknallen Knallen mit der
Peitsche) unter Pfeifen, Schreien, Schießen, Klappern, Kettenklirren, Hörnerblasen n. s. w.,
wie es in Süd-, West- und Nordböhmen als „Hexenbrennen", „s Häxnostnschn"
(Böhmerwald) vorkommt. Auch in Ostböhmen, insbesondere im Reichenberger Gebiete,
wurde der Hexenabend seit langem als „Woalper"-Abend mittelst der „Hexenplatschen"
(Lärmwerkzeuge aus Holz oder Papier) unter großem Getöse begangen. Räucherungen in
Haus, Hof und Stall, womöglich mit den neunerlei heilkräftigen Kräutern, Begrenzungen,
Umhegen und Verlegen der Schwellen der Stallthüren mit kleinen Rasenstücken, der
Düngerstätte mit Dornen, Spitzeggen (Hexenbann) waren allenthalben bis in die neuere
Zeit im Brauche.
Nach der Sicherung gegen das Böse kommt wie bei allen echten Volksfesten die
eigentliche Freudenfeier, und dem tollgespenstigen Hexenabend folgt das heitere, poesievolle
„Maibaumfest". Der hohe schlanke bis nahe zum Wipfel glattgeschälte Tannen- oder
Fichtenbaum wird nach altem Brauch von einzelnen Burschen einem Mädchen nachts vor
Haus und Fenster gesetzt (Ehren- und Liebeszeichen) oder auch als allgemeiner Maibaum
(Mal-Baum!) auf dem Dorfplatz aufgerichtet, mit Bändern, auch mit allerlei Gaben
behängt und sodann unter Dudelsack-, Harmonika-, Drehorgel- oder Blechmusik „abgetanzt"
(Maibaumtanz). Der vom kühnste« und geschicktesten Kletterer errungene Wipfel wird in
der Wirthsstube bis zum nächsten Mai an die Decke gehängt und darunter getanzt.
Die kirchlichen Feste dieser Jahreszeit, wie Pfingsten u. s. w., treten im Volksbrauche
nicht besonders charakteristisch hervor und ist diesfalls eben nichts Wesentliches zu erwähnen.
Nur der aus Oberösterreich und Südböhmen (Böhmerwald) bis nach dem nördlichen
Westböhmen hinaufreichenden volksthümlichen Pfingstwettrennen, die auch in den
deutschen Gebieten nächst Pilsen vorkommen, muß namentlich gedacht werden. Bei diesen
Volksfesten spielen „Richter", „Ausrufer", „Bierreiter" uud „Scharfrichter" oder
„Froschschinder" (Spaßmacher) nach feststehenden Gebräuchen und Reimen ihre besondere
Rolle. In der Pfingstzeit findet ferner im oberen Egerlande das sogenannte „Henkengeih"
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Volume 14
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (1)
- Volume
- 14
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1894
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.78 x 21.93 cm
- Pages
- 634
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch