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ausbleibe (Saazerlaud). Allgemein verbreitet ist das Einlegen dreier von der Ernte her
eigens bewahrter Fruchtähren in die Erde im Frühling, um aus deren Anleimen die rechte
Saatzeit (ob frühe, mittlere oder späte) zu erkennen. Beim Säen muß das zweite Beet
zuerst bestreut werden, sonst kommt im oberen Egerlande der „Büllmatzschnitter", „Billmes-
schneider", ein dämonischer, gespenstiger Schnitter, der mit goldener Sichel (das Zeichen
Thonars) an bestimmten Tagen, durch Korn- und Flachsfelder über Kreuz schreitend, die
Pflanzen anschneidet. Wer eine „Untersaat" macht, ein Beet zu säen vergißt, wird im
laufenden Jahre sterben. Der erste Viehweidetag und Hutgang der Schafe, Rinder n. s. w.
wurde von altersher in den meisten Gegenden Deutschböhmens mit eigenen Bräuchen
gefeiert. Besonders festlich war dies stets im Böhmerwalde und im Riesengebirge der
Fall, wo in den rauhen Lagen oft erst der 24. Juni den Auftrieb der Herden in die
Sommerbauden zuläßt, welcher Tag dann zum Festtag wurde. Eine uralte deutsche
Ackerbaufeier hat sich im Tachauer Gebiete (Westböhmen) in der sogenannten „Schar-
oder Schoaseier" erhalten, die von dem neueren Geschlecht wie die meisten alten Volks-
übungen in der verchristlichten Form der „Schauer-" oder Hagelfeier begangen wird,
im Wesen jedoch, wie Dr. I. Stocklöw dargethan hat, aus einer Pflugschar- und
Sonnwendfeier herrührt. Diese Feier wird mit allgemeinen Flurumgängen bei brennenden
Kerzen u. s. w. vou allen zu Tachau eingepfarrten Ortschaften begangen. Die Freude
über die glücklich beendete Ernte kommt in den Erntefesten der „Sichellege", „Sichel-
henke" (in der Schönbacher Gegend „Flona"), und des „Hopfenkranzes" (Saazer-
land) zum Ausdruck. Wird das letzte Getreidefuder oder der letzte volle Hopfenkorb
aufgeladen, so schmückt der Großknecht Rosse und Wagen mit Bändern und Blumen und
unter Gesang und Jauchzen beginnt die Heimfahrt. Einige der Mägde und Burschen
halten mit Sträußen an Stäben oder Rechenstielen den Wagen besetzt, andere schreiten
singend neben und hinter dem Wagen. Ist der Wagen daheim geborgen, so versammelt
sich Groß und Klein in der großen Stube, wo die Großmagd oder Vorschnitterin dem
Bauer einen vollen Ährenkranz, der Bäuerin einen Blumenstrauß mit Fruchtähren
überreicht, und zwar im Saazer Korn- und Weizenlande mit folgendem Spruch: „Wir
bringen einen Kranz von Korn, er ist gewachsen unter Distel und Dorn, er ist gewachsen
unter Schnee, Wind und Regen, wir wünschen dem Herrn recht großen Segen!" An
manchen Orten wird der Erntekranz dem Hofherrn (Hausvater) aufs Haupt gesetzt. Am
nächsten Morgen werden Kranz und Strauß in der Heiligenecke aufgehängt und sie
behalten diesen Ehrenplatz bis zur nächstjährigen Ablösung. Nach der Kranzübergabe
folgt der festliche Ernteschmaus, wobei die bei allen wichtigen Festen übliche Semmelmilch
und der Hirsebrei mit Honig nicht fehlen sollen. Gesang, Mnsik und Tanz vollenden die
Erntefestfreuden.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Volume 14
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (1)
- Volume
- 14
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1894
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.78 x 21.93 cm
- Pages
- 634
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch