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Rückzug nach dem Elternhause, wo die reichliche Hochzeitstafel der Gäste harrt. Aber zu
Tische darf nicht gleich gegangen werden. Die geladenen jungen Burschen nnd Männer
sammeln sich zu einem Fußwettrennen („Ofaschüsselrenua"), das zu den Haupt-
ceremonien einer Hochzeit gehört. Der beste Läufer erhält von der Brautmutter vier bis
fünf Gulden und ist verbunden, so lange dieselbe bei der Hochzeit zugegen ist, ihren
Trabanten und Lannenbefriediger zu machen. Die nächste Aufgabe des Preisläufers ist
gewöhnlich der Versuch, die Braut von ihrem besonderen Tische herabznbringen. Musik
ertönt. Der Preisläufer fragt die Brautmutter, uuter welchen Bedingungen sie der Braut
erlauben wolle, ihm zu einem Tanze zu folgen? Diese stellt Bedingungen, wie folgende:
„Bring' mir einen Eimer ohne Reif." Der Bursche jauchzt, Tusch der Musik; der Bursche
bringt ein Ei und fragt, ob das ihr so recht sei? „Recht", heißt die Antwort; aber schon
wird eine neue Frage gestellt: „Welches sind die besten Weiberuhren?" Antwort: „Haus-
hähne." „Nichtig." „Welches Obst braucht drei Jahre zu reifen?" Antwort: „Wachholder-
beeren." Endlich soll der Bursche ein Mus bringen, wozu man weder Mehl noch Feuer
brauche. Er bringt Honig. Der Forderung: ein Rad zu bringen, das von keinem Wagner
aus Holz gemacht ist, entspricht er, indem er einen Spritzkrapfen bringt, der die Form
eines Wagenrades hat. Die Schlnßbedinguug ist: eine silberne Brücke zu bauen, über welche
die Braut beim Verlassen des Tisches gehen könne. Der Bursche legt eine Doppelreihe
Silbermünzen über den Tisch, die Braut erhebt sich und geht über die Münzen hin zn dem
Brückenbauer, der sie mit aufgehobenen Armen empfängt und auf den Boden stellt.
Jubeltusch der herumstehenden Musik. Der Bursche soll nun den Brauttanz eröffnen, allein
die Braut vermißt einen Schuh, den man ihr schon früher vom Fuß gezogen. Der Schuh
wird endlich gefunden und der Preisläufer tanzt mit der Braut einmal herum; ihm folgt
dann der Tanz des Vaters mit der Braut, dann ein Tanz der Brüder und nächsten
Anverwandten mit derselben. Nun tanzt der Bräutigam mit der Mutter der Braut, dann
mit seiner eigenen Mutter und zuletzt mit seiner jungen Angetrauten. Hierauf gilt keine
bestimmte Anordnung mehr und das tanzlustige Blut bemächtigt sich der Tanzstube.
Nach der Hochzeit müssen die jungen Eheleute drei Wochen lang getrennt bei ihren
Eltern leben. Während dieser Zeit wird ein großer Theil der Brautaussteuer (Haus-
geräthe) besorgt und angeschafft. Ist man damit zu Ende, so wird der Tag der Vereinigung
und Übersiedlung bestimmt. Vor den großen geschmückten Wagen werden die vier schönsten
Pferde der Gegend gespannt; auf dem Wagen (Kammerwagen) sind durchwegs neue Kasten,
Tische, Bettgestelle, kurz, große und kleine Hansgeräthe nach einer herkömmlichen Ordnung
aufgeschichtet; obenauf das Brautbett, über d iesem eine buntbemalte Wiege. Kasten und Kisten
sind gefüllt mit Wäsche nnd kleinen Hausgeräthen. Zerbrechliche Dinge müssen in Körben
besonders getragen werden. Zu diesem Ende bittet das junge Weib alle ihre Jugend- und
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Volume 14
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (1)
- Volume
- 14
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1894
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.78 x 21.93 cm
- Pages
- 634
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch