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zu beruhigen suchte; sie fuhr den Geist mit harte» Worten au, eutriß ihm das Kind und
gebot ihm, das Gemach zu verlassen. Da blickte sie die weiße Frau mit fiusterem Auge
au und sprach leise, aber vernehmlich: „Undankbare! Durch meine Vermittlung bist du in
dieses Haus gekommen und dn willst mich aus den Gemächern meiner Ahnen verjagen?
Melde dem Vater des Knaben, daß er mich nimmer erblicken wird und siehe zu, wo meiue
Wohnung ist!" Mit diesen Worten verschwand sie in diejenige Wand des Zimmers, welche
an einen alten viereckigen Thurm stieß. Die Amme verließen ihre Sinne, und als sie sich
wieder erholte, meldete sie dem Schloßherrn Peter, was sie gesehen und gehört hatte.
Dieser ließ nach einiger Zeit die Mauer durchbrechen, in welche der Geist verschwunden
war, und nach Beseitigung des dahinter befindlichen Doppelgemäuers fand er den großen
Nosenberg'schen Schatz, welchen er nachher dem Kaiser zur Aushilfe gab, um damit den
Krieg gegen die Türken fortsetzen zu köuueu . . . Jahrelang wurde nun die weiße Frau
weder in der Stammburg Kruman, noch in der neuen Burg zu Neuhaus geseheu, aber
dunkle Gerüchte liefen um, daß sie um diese Zeit ab und zu in Burgen ferner Verwandter
Böhmens und Deutschlands erschienen sei. Erst als durch die Burgherren selbst oder in
Folge von Besatzungen während der späteren Kriege durch Hauptleute der Besatzung in
der Burg zu Neuhaus der den „süßen Brei" betreffende Stiftsbrief außer Acht gelassen
wurde, war die weiße Frau als unuachsichtliche Rächerin wieder da und strafte alle
Schuldigen auf die empfindlichste Weise; bei diesen Rache-Acten erging es einem Frevler,
dein Ritter Stilfried Feyrar vou Malikau, am allerschlimmsten, da er über die Erscheinung
der weißen Frau rohe Glossen machte und den zeitgenössischen Schloßherrn Joachim
Ulrich vou der Gewährung des „süßen Breies" hartnäckig abhielt. Die weiße Frau sowohl,
als die wackeren Zwerge wußten sich durch ebenso peinvolle als ehrenrührige Strafen
an dem Frevler zu rächen, da er gezwungen war, seine Tapferkeit zu beweisen, eine Nacht
auf der gemiedenen Burg (im verrufensten Gemach, „Hechelzimmer") zuzubringen . . .
Die „weiße Frau" ist nach diesem Vorfall noch zu wiederholten Malen, zumeist zu dem
Zweck erschienen, Gutes zu thun und namentlich Unglückliche und Arme zu erfreuen. Die
Wohlthat des „süßen Breies" sicherte sie durch Entdeckung eines großen Schatzes in der
Burg zu Neuhaus, der dem Besitzer des Schlosses, Joachim Ulrich, es möglich machte, das
Fest ohne eigene Auslagen alljährlich zu veranstalten . . . Eines Tages sprach ein junger
Priester aus dem Geschlecht derer von Liechtenstein im Schlosse zu Neuhaus ein. Mau
wies ihm zum Nachtlager einen großen Saal zu, dessen Wände mit Familienbildern bedeckt
waren. Diese Bilder vor dem Entschlummern aufmerksam betrachtend, siel dem geistlichen
Herrn eines besonders auf, das einen stattlichen Hochzeitszng darstellte, der sich langsam zu
bewegen schien; der Bräutigam war von hohem Wüchse, doch in seinem Gesicht lauerte
heimliche Tücke, die zarte Braut an seiner Seite, lieblich wie eine schlanke Lilie, verrieth in
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Volume 14
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (1)
- Volume
- 14
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1894
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.78 x 21.93 cm
- Pages
- 634
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch