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scheinen, schlicht und derb. Das malerische Bild der mittelalterlichen Stadtbefestigung mit
ihren Bastionen und Thürmen hatte sich besonders lange in Berann unverändert erhalte«,
wo auch die solide Ziegeleoustructiou uud Terraeotten technisch manches Interessante
boten. Die mit manchen dieser Thorthürme verbundene zwingerähnliche Anlage in der
Art des berühmten Krakauer Floriauithors oder des Görlitzer Kaisertrntzes war bei dem
1472 ausgeführten, leider 1841 abgebrochenen Prager Thore in Schlan besonders schon
entwickelt. Reste alter Befestigungen, welche jedoch keinen besonderen architektonischen
Werth haben, finden sich noch in vielen Städten Böhmens, wie Pilsen, Eger, Brüx,
Böhmisch-Leipa, Bensen u. s. w. ,
Ein höchst originelles Werk schuf die Spätgothik in dem 1497 fertiggestellten
zwölfeckigen Brunnen in Kuttenberg, der mit Strebepfeiler, Halbsäulen, Consolen und
Baldachinen für Statuenschmuck reich beseht ist, indeß verschiedenartige Maßwerke der an
den Seiten angeblendeten Fenster mit krabbenbesetzten Wimpergen ansprechende Abwechs-
lung zeigen.
Die kunstgeschichtlich besonders wichtige Epoche spätgethischer Anschauungen begann
erst mit der Regieruug Georgs von Podebrad und erreichte ihre Höhe unter Wladislaw II.,
während dessen Regierung Matthias Raysek und Benedict Rieth als bedeutende Meister
zweier verschiedener Richtungen von der Menge der anderen Architekten sich abhoben. Ersterer
ging in dem Streben, vor Allem eine malerische Wirkung des Änßern und Innern seiner
Werke zu erreichen, sogar so weit, daß seine Formen der Struetur des Materiales manch-
mal nicht entsprechen, letzterer war vorwiegend Construeteur, der zu immer größerer
Fertigkeit vordrang. Die Bauthätigkeit war in der Landeshauptstadt nicht mehr so groß-
artig als in der karolinischen Zeit, ja, andere Städte und Gebiete, wie Kuttenberg, der
Besitz der Rosenberge, die Städte am Abhang des Erzgebirges, überflügelten Prag. Alle
Willkürlichkeiten der Spätgothik, welcher der Sinn für die Betonung des Constructiveu
mit der wachsenden Lust an phantastischer Decoration und spielender, übertriebener
Zierlichkeit abhanden kam, fanden Beifall. Große Grundrißgedanken wurden nur bei der
Fortführung früher begonnener Bauten festgehalten. Stadt- und Landkirchen wahrten den
früheren Typus, betonten aber immer entschiedener den Charakter des Predigtraumes, der
nach Auorduuug der Emporen mehr Gläubige fassen kann. Die äußere Ausstattung war
mit Ausnahme der schönen Knttenberger Denkmale nnd des Pulverthurms derb und
manchmal sogar flüchtig und nachlässig. Die Technik blieb im Allgemeinen auf dem schon
vor den Hufitenkriegen erreichten Standpunkt, die Kunstauffassung trat hinter dem Zuge
des Handwerksmäßigen zurück.
Mit dem Einziehen des neuen Herrschergeschlechtes der Habsburger, welches sofort
das Hereinfluten edler Renaissance-Anschanungen veranlaßte, war das Ende der Gothik
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Volume 15
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (2)
- Volume
- 15
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 16.07 x 22.35 cm
- Pages
- 708
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch