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Trauttmansdorff von seinen Reisen zurückkehrte und Mißfallen an der neuen Gründung
äußerte. Die Ruinen dieses Gebäudes erregten eben wegen der plötzlichen Störung im
Ausbau des Schlosses durch ein ganzes Jahrhundert das Interesse von Forschern und
Touristen, sind aber seit zwei Decennien von der Oberfläche spurlos verschwunden.
Mit dem XIX. Jahrhundert werden in den Schlössern durchgreifende Veränderungen
vorgenommen. Schon seit längerer Zeit heißt das Schloß nur uneigentlich so, weil es nicht
mehr geschlossen ist, und verdankt seinen Namen nur dem couservativeu Sprachgebrauche.
Nun verschwinden die schweren eichenen und stark beschlagenen Thorflügel, welche sonst
den Eingang versperrten, die inneren Räume werden wohnlicher und mit mehr Luxus,
als es in der „guten alten Zeit" Brauch war, ausgestattet, die Kanzleien werden in
separate Amtshäuser verlegt, uud schließlich wird die bisherige Gemeinschaft von Schloß
und Meierhof aufgelöst. Gewöhnlich weicht das Schloß, wird auf einen luftigen Platz
verlegt und mit Gartenanlagen umgeben.
Das Beispiel reicher Landherren befolgend verwendete der kleine Adel auf den Auf-
oder Umbau seiner Sitze ziemlich bedeutende Geldsummen und das Streben, es den Größeren
nachzumachen, tritt überall hervor. Die alten Besten, soweit sie noch das XVI. Jahrhundert
überdauerten, werdeu entweder umgebaut und erweitert oder als Nebengebäude zu
ökonomischen Zwecken verwendet, die Gräben zugeschüttet und die nächste Umgebung geebnet.
Verhältnißmäßig kleine Edelsitze erhalten im Oberstock die unentbehrliche Tafelstube und
eine Kapelle, während das Erdgeschoß für die Küche, die Vorrathskammern und die Diener-
wohnung bestimmt wird. Noch aber verbleiben bis in unser Jahrhundert die herrschaftlichen
Ämter und Kanzleien im Schlosse, freilich nur auf wenige Localitäten beschränkt. Eine
Menge dieser Dorfschlösser besteht noch und trägt das Gepräge jener Zeit, den Zopfstil.
In den Jahren 1802 bis 1822 wurde vom Grafen Johann Rudolf Chotek das
prachtvolle Schloß Kaeina bei Kuttenberg erbaut, welches, in Form eines gedrückten Bogens
angelegt, sich nicht nur durch die schönen Verhältnisse seiner Architektur, sondern auch durch
die Einfachheit uud Angemessenheit der ornamentalen Theile auszeichnet. Es konnte eine
Zeit lang als der prachtvollste Landsitz gelten, wurde aber übertroffen durch das reizend
gelegene,mit ungewöhnlicher Pracht ausgestattete Schloß Frauenberg bei Bndweis, das Ziel
eines jeden Touristen, welcher Südböhmen besucht. In den Jahren 1844 bis 1847 an Stelle
einer alten Burg und mit theilweiser Benützung des Mauerwerkes mit einem bedeutenden
Kostenaufwand erbaut und am 3. September 1847 vom jetzt regierenden Kaiser höchst-
eigenhändig mit Einsetzung des Schlußsteins beendigt, ist es unstreitig der schönste und
prachtvollste Adelssitz des Königreiches, ein prunkvolles Gebäude, welches mittelalterliche
Motive dem modernen Eomfort unterordnet und die theilweise in eiuen Ziergarten
umgestaltete, theilweise schon von Natur aus baumreiche und grüne Umgegend beherrscht.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Volume 15
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (2)
- Volume
- 15
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 16.07 x 22.35 cm
- Pages
- 708
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch