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Erzeugnisse des häuslichen Fleißes waren — nämlich von der Stickerei. Vornehmlich waren
es königliche Prinzessinnen nnd Jungfrauen aus den vornehmsten Familien, die in Klöstern
weilten und mit kunstfertigen Händen nach dem Beispiel der ersten christlichen Fürstin,
der heiligen Ludmila, die Kirchengewänder schmückten; noch zur Zeit Karls IV. wurde ein
Werk dieser Fürstin, eine große Kirchenfahne, zum Andenken aufbewahrt. Von der letzten
Premyslidin Elisabeth wird ausdrücklich hervorgehoben, daß sie kostbare Gewänder, welche
sie selbst stickte, dem Prager Dom schenkte und die Gemalin ihres Sohnes Karl IV.,
Blanka, eine französische Prinzessin, war nicht weniger freigebig dem St. Veitsdom
gegenüber, dem sie zahlreiche kostbare Gewänder zukommen ließ. So wurden im St. Veits-
dom und in anderen Kirchen prachtvolle, mit Gold und Perlen gestickte Ornate aufgehäuft
uud außerdem auch Autipeudieu, Vorhänge und Baldachine, mit denen bei festlichen
Gelegenheiten Altäre, Gräber, Kapelle« und die ganze Kirche geschmückt wurde. Au der
Spitze dieser Thätigkeit staud als erste nachweisbare Mädchen-Kunstschule das denkwürdige
Kloster zu St. Georg in Prag, und wenn bis jetzt sein Erbe, das adelige Damenstift auf
dem Hradfchin, eine besondere Sorgfalt auf die Herstellung von Kirchenparamenteu ver-
wendet, so bewahrt es mit geziemender Pietät altererbte Traditionen.
Von größeren Stickereien hat sich bis auf unsere Zeit leider nur ein einziges
Antipendinm und obendrein nicht in Böhmen, sondern in Pirna in Sachsen, von wo es in
das Museum des königlich sächsischen Alterthumsvereines in Dresden gelaugte, erhalten.
Pirna gehörte nämlich in den Jahren 1298 bis 1403 zu Böhmen, und das Bild des
heiligen Wenzel beweist, daß das kostbare Antipendium in Böhmen entstanden ist. Die
Mutter Gottes, die Christus zur Seite sitzt, uud die Figuren der Heiligen verrathen den-
selben künstlerischen Charakter, den wir auch im Passionale der Äbtissin Kunigunde
bemerken. Neben Arbeiten dieser Art waren namentlich Perlen- und Goldstickereien, die
traditionell bis in das XVII. Jahrhundert gepflegt wurden, beliebt. Etwa aus dem
Anfang des XIV. Jahrhunderts stammt die Mitra des heiligen Adalbert, welche eigentlich
eine Hülle der ursprünglichen Mitra ist, und ebenfalls in dem Domschatze befinden sich
auch andere Perlstickereien mit dem Bilde des Erlösers, der Jungfrau Maria und der
böhmischen Heiligen. Letztere Arbeiten fallen gewiß schon in die Zeit Karls IV., in welcher
neben den verschiedenen Gebieten der Kunst auch zahlreiche Zweige des Kunstgewerbes
zu einer bedeutenden Höhe gelangt sind.
Die Person Karls IV. steht bei dieser Entwicklung im Vordergrund. Namentlich
war es eine seiner Eigenschaften, die das Kunstgewerbe förderte; Karl IV., dieser
ruhige, besonnene Herrscher, war ein leidenschaftlicher und vielleicht auch der erste
Sammler überhaupt auf dem böhmischen Throne. Sein uuermüdlicher Sammeleifer galt
zwar nicht etwa, wie es bei nnseren Mnseen der Fall ist, den Kuustgegenständen selbst,
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Volume 15
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Böhmen (2)
- Volume
- 15
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 16.07 x 22.35 cm
- Pages
- 708
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch