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Goldplatte überzogen ist; die Augen der Grille bestehen aus einem Granat in zellenartiger
Fassung und auch die Flügel sind mit ebenso gefaßten Granaten geschmückt.
Die zu Szent-Endre in der Nähe von Budapest, dann zu Bölcske und Nagy-
Mänyok im Tolnaer, zu Mmetsürü im Somogyer und bei Kassa im Baranyaer Comitat
eröffneten Avarengräber lieferten den erwähnten ähnliche Gürtel und Ohrringe, aber
auch mit Silberblech überzogene kupferne sowie bronzene Spangen und Knöpfe, ferner
als Besonderheit Ohrgehänge aus Goldfiligran und Spangen, deren Schmuck aus
Granaten oder Glasstücken in zellenartiger Goldfassung besteht. Unter den Waffen finden
sich weniger Dolche, aber destomehr Schwerter; auch Schlachtbeile kommen vor. Das
Pferdegeschirr aus Gräbern, wo das Roß mitbegraben war, ist mit bronzenen Rnnd-
und Flachknöpfen verziert. Steigbügel gibt es zweierlei, beide aber sind rund.
Unter den Denkmälern der heidnischen Magyaren sind am charakteristischesten die
mit Rosen verzierten silbernen, aber vergoldeten Spangen, Flach- und Rundknöpfe,
die mit Blumen im Relief geschmückten Gehänge und der birnenförmige Steigbügel.
Die wichtigsten Fundstätten sind: Neßmely im Komorner Comitat, der Demkö-Berg bei
Stnhlweißenburg, dann Csorna und Csorna-Csatär im Raaber Comitat.
Die in obigen drei Gruppen erwähnten Gegenstände gelten den maßgebenden
Forschern als Denkmäler der heidnischen Hunnen, Avaren und Magyaren. Die in den
Gräbern gefundenen römischen und byzantinischen Münzen bezeichnen die genaue Zeit-
grenze der Bestattungen. Die Anthropologie hat an den Schädeln die Kennzeichen der
mongolischen und der kaukasischen Race festgestellt. Es kann daher kaum ein Zweifel
obwalten, daß jene Gräber in die Zeit der Völkerwanderung, ja geradezu in die Jahre
fallen, in denen die Hunnen, Avaren und Magyaren hier eingewandert sind. Auf die
Frage jedoch, inwiefern die in den Gräbern gefundenen Gegenstände Beutestücke oder eigene
Erzeugnisse der Hunnen, Avaren und heidnischen Magyaren seien, hat die Wissenschaft
bisher noch keine bestimmte Antwort ertheilt. Mit Ausnahme der sogenannten Zellen-
arbeiten, das heißt, der mit Edelsteinen in zellenartiger Fassung verzierten Gegenstände,
kommen die in Ungarn gefundenen charakteristischesten Objecte aus der Völkerwanderungs-
zeit in den Ländern Westeuropas nicht vor. Daraus folgt, daß beide von verschiedenem
Ursprung sind. Indeß ist es auffällig, daß ein im Filigranschmuck so geschicktes Volk so viele
gleichförmige Gegenstände gearbeitet hat, da doch gerade diese Verzierungsweise von selbst
zur Abwechslung auffordert. Dieser Widerspruch wird selbst durch die Voraussetzung
nicht gelöst, daß vielleicht die Ohrgehänge der hunnischen und avarischen Frauen eine
symbolische Bedeutung hatten. Und kein geringerer Widerspruch ist an den Gürteln
wahrzunehme», wo die lebensvolle und charakteristische Bewegung der Thiere mit einer
verallgemeinernden, rohen Ausarbeitung der Formen Hand in Hand geht.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Volume 16
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (4)
- Volume
- 16
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.18 x 21.71 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch