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von einem dreieckigen Giebel gekrönt. Das untere Geschoß ist durch vier dorische, das
obere durch vier jonische Sänken gegliedert. Diese, sowie das die beiden Geschoße
scheidende Gesimse, ferner das Kraiizgesimse und der Giebel ueigeu wohl dem classischen
Baustil zu, verrathen aber zugleich, daß der Meister noch unter dem Einfluß der aus der
Spätrenaissanee fließende» Überlieferungen stand. Die beiden mit Hekmdächern gedeckten
Thürme jedoch deuten in ihrer Magerkeit schon auf das Ermatten der Kunst. Die Anlage
der Kirche zeigt ein lateinisches Kreuz; statt der Seitenschiffe sieht man ans jeder Seite
drei Kapellen in das Laugschiff münden. Sowohl dieses, wie das Querschiff haben
Tonnengewölbe; die quadratische Vierung der Schiffe und der vierte Kreuzarm, der als
Chor dient, sind dnrch eine auf Bogenzwickeln ruhende, mit dem Tonnengewölbe gleich
hohe Flachkuppel bedeckt. Die bnnte Marmorbekleidung, die längs der Wände paarweise
angeordneten mächtigen Marmorhalbsänlcn, die vergoldeten korinthischen Capitäle, das
über diesen entlangzieheude Krauzgesimse, die cassettirteu Gurtbogen und die Fresken des
Gewölbes geben dem weiträumigen, hellen Inneren der Kirche Kraft, Reichthum uud
Farbenpracht. Das Gemälde am Tonnengewölbe des Langschiffes ist von Maulpertsch
nnd behandelt in einfachem Vortrag uud charakteristischer Stimmung eiu tiefsinniges
Motiv: den Znstand der Menschheit vor der Ankunft Christi. In öder, halbdunkel
überschatteter Gegend liegt eine schäferartige Gestalt, welche die Griechenzeit symbolisirt,
das Haupt auf einem Stein in tiefem Schlafe, während ein römischer Soldat soeben aus
dem Schlaf erwacht ist und, wie durch eine Ahnung geleitet, unsichere Schritte thut.
, rsäit et Vii ^u, reckeunt Laturuiu re^na,
,l!un nc»vu proFeniös coelo climittitur utto."
Die Verwirklichung der Ahnung sehen wir in der Kuppel der Vierung uud des
Sauctuariums in zwei lebhaft gefärbten und mit übermäßig bewegten Figuren bevölkerte»
Darstellungen. Das eine Gemälde, von Johann Winterhalder, zeigt das Innere des
Tempels zu Jerusalem, eines auf hoher Stufenbasis emporgethürmten Säulen- und
Kuppelbaues; hier ist Mariä Geburt und ihre Communion im Tempel gemalt. In der
Kuppel des Chores ist der Englische Gruß vou Stephan Dorsmeister zu sehen, aber in
einem so schwindelerregenden Getümmel von Fignren, daß mau das eigentliche Motiv des
Bildes kaum zu erkennen vermag. So ist auch das Jüngste Gericht geartet an der Decke
der Kapelle, in die man aus dem Sanctnarinm tritt.
Die kirchliche Banknnst des XlX. Jahrhunderts hat ihr hervorragendstes Werk im
Graner Dom geschaffen. Der Entwurf rührt von dem Wiener Architekten Paul Kühuel
her nnd der Van begann 1822. Er wurde uach Kühuels Tode durch dessen Verwandten
Johann Packh fortgesetzt. Schließlich vollendete ihn der Bndapester Architekt Josef Hild
im Großen so weit, daß die Einweihung im Jahre 1856, in Gegenwart Seiner Majestät
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Volume 16
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (4)
- Volume
- 16
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.18 x 21.71 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch