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ein Meisterwerk der italienischen Renaissance, das Graf Pipö durch den berühmten Masolino
mit Fresken ausmalen ließ, so daß selbst die Florentiner es bewunderten; von alledem ist
heute keine Spur und Ozora's Ruf beruht jetzt mehr auf seinen vielbesuchten und rauf-
lustigen Kirchweihfesten als auf den verschwundenen alten Kunstwerken. An den westlichen
Rändern liegen Totkeßi, der Stammsitz der Familie Nyäry, Bedeg, Szäntö, das
durch seine lärmenden Abgeordnetenwahlen berühmte Szakcs und weiter unten das
waldige Läpasö. Damit haben wir die nennenswerten Orte des Bezirks ringsum
begangen, im Inneren aber finden wir blos Felsö-Jreg, Nagy-Szokoly, Könyi,
Kocsola und Gyula-Joväucza mit noch etlichen kleineren Ortschaften. Gerade in
der Mitte liegt Tamäsi, der Hanptort des Bezirkes, und nahebei der schönste und größte
Wald des sonst waldarmen Tolnaer Comitates, der wildreiche Eichenforst von Tamäsi,
den das Somogyer Comitat gleichsam herüberragen läßt.
Dieses Gebiet ist, wie gesagt, mit dem von Somogy übereinstimmend, ein hier und
da von niedrigen Bergen durchschnittenes, wellig-hügliges, ertragreiches Fruchtgefilde.
Die Bevölkerung ist magyarisch, nnd wie das Land, so ist auch das Volk mit dem von
Somogy in Körperbau, Farbe, Tracht, Mundart, Beschäftigungsweise und Sitte ver-
wandt — ein starkes, arbeitsames, ausdauerndes Volk, das sich leicht anfreundet, aber
auch reizbar und eigensinnig und in den Extremen unbändig.
Die beiden bisher geschilderten Bezirke sind also von Magyaren bewohnte Ebenen.
Zwischen ihnen, in der Mitte des Comitats, streicht von Nord zu Süd der dritte Abschnitt,
jene von Döbrököz bis Simontornya reichende Berggegend, die, wie bereits erwähnt,
von den Bächen Kapos und Siö in Gestalt eines umflossen ist. Hier sind die Abhänge
und Thäler von Deutschen bewohnt. Diese wissen der Ungunst des Bodens durch Fleiß
nnd Sparsanikeit zu begegnen und die Unfruchtbarkeit fruchtbar zu machen, sie pressen Öl
selbst aus den öden Hügeln, die noch vor kurzem von mehr Wein als Wasser überrieselt
waren. Der deutsche Bauer ist, woher er auch kam und wohin er auch gelangte, stets der
nämliche. Er mag hier reicher, dort ärmer sein, allein überall ist er sparsam, um sich
greifend, auf Erwerb bedacht und dabei in seinen Sitten und Gewohnheiten beständig,
abgeschlossen, der Mischung mit fremden Elementen abhold. Die Deutschen leben auf diesem
Gebiete zumeist in geschlossenen Massen nud gehören zur Hälfte der römisch-katholischen,
zur Hälfte den beiden protestantischen Kirchen an. Ihre Ahnen wurden hier größtentheils
durch den General Grafen Claudius Florimund Mercy angesiedelt, und zwar anfangs ohne
Rücksicht auf Sprache, Religion nnd Abstammung, in der Absicht eine Vermischung herbei-
zuführen. Später aber faßte es der Graf anders an, denn der Doroger Bauernrichter hatte
ihm gesagt: „Es wäre ja alles recht schön, aber eines habenEuerGuadeu zu verfehlen geruht:
in jedem Dorfe nur eine Nation und eine Religion!" Der Graf sah das ein,
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Volume 16
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (4)
- Volume
- 16
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.18 x 21.71 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch