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hielt es stetig aufrecht, ohne freilich die Entwicklung zu erleben; ihm dankt man das
Vorbild der jetzige» staatlichen Seidenspinnerei, die gleichfalls einen Bezeredj zum
Director hat. Und während er der Führer der Erwachsenen war, wurde seine gleichgesinnte
Gattin Amalie, gleichfalls eine geborne Bezeredj, die Mutter und Amme der Kleinen,
für die sie jenes hübsche Büchlein schrieb, „Flori's Buch", das der erste Spielgenoß so
vieler Tausende von Kindern geworden. Um die Wette mit ihrem Gatten schreibt sie,
bessert das Dienstbotenwesen, errichtet auf ihrer Besitzung eine Kinderbewahranstalt, die
erste neben der ersten Seidenspinnerei oder doch eine der ersten.
Ja, auch die süße Sorge des Krippenwesens hat der Tolnaer Adel zuerst auf sich
genommen. Die Menschenliebe der Gräfin Therese Brunßvik bahnte die edle Angelegenheit
an und das Tolnaer Comitat war das erste, das ihren warmen Aufruf durch eifrige Unter-
stützung der Sache beantwortete. Die gründenden Mitglieder des Vereins für Verbreitung
der Kinderbewahranstalten sind vornehme Damen und hervorragende Persönlichkeiten des
damaligen öffentlichen Lebens; um König Ferdinand V. sehen wir unter Anderen Anton
Anguß, Stesau Bezeredj, Graf Leo Festetits gefchaart. Graf Leo Festetits errichtet auf
seiuer eigenen Besitzung, in Tolna, dem damals noch ganz deutschen Städtchen, und
größtentheils auf eigene Kosten die erste Präparand ie für Kinderbewahrer und
daneben als Übungsschule die Muster-Kinderbewahranstalt. Im Schatten der großen
Namen arbeitet und denkt ein bescheidener Menschenfreund weiter, der Director der Anstalt,
Stesau Barga; er verfaßt ein großes, grundlegendes Project, das die Stände des Tolnaer
Comitats auf Kosten der Adelscasse in tausend Exemplaren drucken lassen und an alle
Jurisdiktionen des Landes versenden.
Eine andere Burg der Humanität bildeten zwei Stiftungen des Grafen Styrum-
Limbnrg, die eine der Zukunft, die andere der Vergangenheit geweiht, als lägen Baum-
schule und Kirchhof nebeneinander und beide uuter die Verwaltung und Aufsicht des
Tolnaer Comitats gestellt. Aus der einen beziehen adelige Jünglinge des Tolnaer
Comitats bis an das Ende ihrer Studien von Jahr zu Jahr steigende Stipendien; aus
der audereu genießen zwölf verarmte Edelleute in der alten Burg von Simontornya eine
anständige Versorgung, daher auch die Burg von dem weniger hnmanen Volkshumor den
Namen „Maststall" bekommen hat.
Auch die Muse ergeht sich in diesen Thälern und baut sich da ihr Nest. Sie sucht
und findet die Spuren ihrer Söhne. Szent-Lörincz und Borjäd bergen jedes einen Busch,
auf dem sich einst Petöfi auf kurze Zeit niedergelassen; dort verbrachte er ein kurzes Lehr-
jahr, hier sang er einen kurzen Lenz hindurch. Der Sänger der Ärpäden, der klangreiche
Garay, wurde der Nation in Szegzard geboren; der Vater der Dichter, Vörösmarty,
erwuchs zn Bonyhad, wo er auf dem Perczel'scheu Hofe erzogen wnrde. Niemals konnte
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Volume 16
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (4)
- Volume
- 16
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.18 x 21.71 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch