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er das Thal von Szeplak vergessen, das Feenland seiner Jugend, und er hat es in seinem
Gedichte „Szöplak" verewigt.
Im Schoße der Thalwelt, wo in tiefen Gründen die Quellen springen, grünen zwei
kleine Musennester, Gyönk und Bouyhäd. Beide sind deutsche Ortschaften, jenes ziemlich
ungeordnet und klein, dieses groß, schön, offen, zum Wettbewerb geschaffen, ein überraschend
reinliches, angenehmes Städtchen. In beiden liegen adelige Schlösser und Höfe, in jedem
besteht ein kleines Gymnasium, dem vorbeifließenden Bächlein gleich mit wenigem, aber
krystallklarem Wasser. Und wie die Quelle von Keinem gegraben worden, so sind auch sie
gleichsam von selbst geworden; man hat sie nicht gegründet, nicht gebaut, sie sproßten von
selber auf wie aus einem Samen, wie ja die meisten protestantischen Gymnasien in früherer
Zeit. Die Geschichte dieser fast gleichaltrigen Schulen bietet uoch zwei bemerkenswerthe
Momente. Keine befindet sich dort, wo sie entstand, sondern beide sind verpflanzt; die
Wiege des Bonyhäder Gymnasinms stand in Sär-Szent-Lörinez, die des Gyönker in
Nagy-Szekely. Und dann ist es merkwürdig, daß der aus lauter Deutschen bestehende
Tolnaer evangelische Kirchendistrict ursprünglich seine einzige rein magyarische Gemeinde,
Sär-Szent-Lörinez, zum Sitz des Gymnasiums bestimmte, der von lauter Magyaren
bewohnte resormirte District hingegen seine einzige rein deutsche Gemeinde. Und die
sorgsamen Eltern bringen von fern ihre Kinder herbei, da diese hier, wie gehofft wird,
deutsch lernen werden. Aber diese Hosfnnng täuscht.
Und uoch ein Versteck besteht in Tolna: Lengyel; ein wahres Versteck, wohin man
durch Waldungen und Bergspalten, von Gipfel zu Gipfel klimmend, von Thal zu Thal
niedergleitend, gelaugt, um endlich vor dem Schlosse des Grafen Alexander Apponyi zu
stehen. Ein geschmackvoller, prächtiger Bau, mit aller Bequemlichkeit verschwenderisch
ausgestattet, auch für Gäste. Die Fa^ade wird von dem Laubschatten eines ausgedehnten
Haines gekühlt, zwei gewaltige Flügel umfassen einen weiten, mit Ziersträuchern
geschmückten Hof; rechts vom Schlosse liegt die große landwirthschaftliche Installation,
an den Hain schließt sich eine umfangreiche Weingartenanlage. Der Oberstock des linken
Flügels enthält die „beiden Schatzkammern", nämlich Bibliothek und Museum; der
Sammler, Erwerber, Cnstos und Direktor beider ist der gräfliche Eigenthümer selbst;
auch der breite Corridor, der dahin führt, ist mit Schätzen angefüllt, mit alten und
seltenen Landkarten, Kupferstichen, Holzschnitten.
In der Bibliothek gibt es Uuica, Jucuuabelu, erste Ausgaben; eine besondere
Abtheilung enthält in möglichster Vollständigkeit alle im Auslande und in fremden
Sprachen erschienenen alten Bücher, in denen Beziehungen auf Ungarn vorkommen; eine
andere Abtheilung bildet eine stattliche, sehr vollständige Sammlung alter, geschriebener
und gedruckter ungarischer Bücher. Und es sind lauter wohlerhaltene, reine Exemplare.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Volume 16
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (4)
- Volume
- 16
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.18 x 21.71 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch