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In den Reitschulen vor dem Schlosse sieht man dann noch in den Morgenstunden,
von militärisch uniformirten Reitknechten geritten, das dreijährige Halbblut an Stuten- und
Hengstfohlen, wie es an den Sattel gewöhnt und erst im Schritt, dann im Trab und
Galopp geübt wird, worauf die Stuteu unter systematisches Training genommen und mit
ihnen Rennen veranstaltet werden. Auch in der Kisberer Halbblutzucht wird nämlich der
Grundsatz befolgt, der das englische Vollblut geschaffen und ihm den Vorrang vor allen
anderen Pferdera^en gesichert hat: daß zur Zucht nur Pferde verwendet werden sollen,
deren Gesundheit, Kraft und Rennfähigkeit im Training und auf der Rennbahn erprobt
worden, die dann aber auch «och stärkere und siegfähigere Abkömmlinge erzeugen. Von den
jungen Stnten werden daher nur diejenigen im Kisberer Gestüt behalten, die nicht nur den
besten Körperbau haben, sondern auch im Training und Rennen erprobt worden sind. Aus
demselben Grunde wird jedes Jahr eine große Zahl unfruchtbarer Stuten, wie auch Hengste
zur Erprobung in die Reitschulen und zu den Jagdgesellschaften geschickt. Diesem in allen
Staatsgestüten gebräuchlichen Verfahren nud der kräftigenden Trainirnng verdankt das
ungarische Pferd zum großen Theile die Zähigkeit und Ausdauer, die es in der Verwendung
so sehr auszeichnen und auch einen Hauptgrund seines Ansehens im Auslande bilden.
Außerhalb des Hauptparkes, in den einzelnen Meiereien werden im Wiuter in
geräumigen, hohen Ställen, im Sommer ans saftigen Weiden die Halbblutstuteu, je für
sich die Mutterpferde und nach Alter und Geschlecht getrennt die Fohlen, eingestellt. Die
Fohlen, nebst ihren Müttern stets unter Menschen weilend, werden äußerst zahm. Sie
spielen untereinander und auch unter ihnen tritt Kameradschaft oder Abneigung, die
Gesetztheit der älteren gegenüber den jüngeren zu Tage; es zeigt sich das Kosen der
Stutenfohlen gegenüber den Zänkereien der Hengstfohlen. Bald jedoch werden sie von
den auf flinken Reitpferden sitzenden Csikösen (bekleidet mit fliegendem blanen Ärmel-
hemde und Gatyen, gelbknöpfiger Weste und Mütze) umkreist und mit knallenden Peitschen
hin und her getrieben. Aus dem bewegten Bilde scheidet sich blos der graue Esel mit
seiner unverwüstlichen Ruhe aus. Er findet selten einen Kameraden unter den Fohlen,
wird aber in jeder Abtheilung gehalten, damit die Fohlen sich an seine Anwesenheit
gewöhnen, um sich etwa vor den langohrigen Verwandten nicht zu scheuen, eine Eigen-
thümlichkeit, die manchem Pferde innewohnt. Der Gefammthengstenstand in Kisber beläuft
sich gegenwärtig auf 800 Stück, während auf den Hengstendepots 409 Stück Kisberer
Pfleglinge behufs Verbesserung der Allgemeinzucht in Verwendung stehen.
Abgesehen von der Verschiedenheit der Ra^e gewährt auch Bäbolua, wohin man von
Kisber über die Ortschaft Tärkauy in einer kleinen Stuude fährt, im Großen und Ganzen
das nämliche Bild. Während Kisber die Aufgabe hat, die Pferdezüchter mit englischem
Vollblut, besonders aber mit hohem Materiale von englischem Blute zu versorgen.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Volume 16
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (4)
- Volume
- 16
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.18 x 21.71 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch