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der Primas aber der der Erzbischöse; die Bischöfe appelliren — mit Ausnahme des
Erzbischofes von Kalocsa — an den Primas; vom Primas, als geborenem Legaten des
heiligen Stuhles, gehen die Appellationen und sonstigen Acten direct nach Rom; der
Primas hat das Recht, über alle römisch-katholischen Kirchen, Orden, Klöster und jederlei
privilegirte kirchliche Personen und Anstalten, die Erzabtei Martinsberg ausgenommen,
Untersuchungen einzuleiten; schließlich hat er das Recht, unter seinem Vorsitz eine nationale
Synode einzuberufen, auf der sämmtliche Erzbischöse und Bischöfe des Landes zu erscheinen
haben; der Primas ist auch der einzige unter allen ungarischen Kirchenfürsten, der sich das
apostolische Kreuz kaun vortragen lassen.
Als Ludwig der Große seine Armee uach Italien führte, betraute er mit der
Regierung seines Landes den Erzbischof Csanäd Telegdi, der fast zwei Jahre hindurch
in Abwesenheit des Königs und des Palatins Verweser Ungarns war. Eine ähnliche
geschichtliche Rolle fiel dem Erzbischof Thomas III. zu, der während der polnischen Reise
Ludwig des Großen Gouverneur von Ungarn war. König Sigismnnd betraute wiederholt
den Primas Georg Kauizsay mit der Regierung des Landes.
Schon im XIII. Jahrhundert gab es einen Cardinal-Erzbischof. Der erste ungarische
Cardinal war Stefan Bäncza. Im XVIII. Jahrhundert erhielt der Primas den Titel
eines Fürsten des heiligen römischen Reiches.
Sechsnndsiebzig Erzbischöse hat Gran gehabt, darunter außer adeligen uud hoch-
adeligen auch herzogliche, erzherzogliche und fürstliche. Viele aber erhoben sich aus der
Stille des Klosters oder aus dem Schoße des Volkes zu dieser höchsten kirchlichen Würde.
Nach dem Tode Simors beschäftigte sich die öffentliche Meinung bis zur Ernennung
Claudius Vaßary's mit der Verlegung des Graner Erzbifchofssitzes nach Budapest. Die
Frage wurde durch folgenden Satz des königlichen Ernennungsdecrets entschieden: „Wir
wünschen und erwarten jedoch, daß Unser aufrichtig geliebter Getreuer, Claudius Franz
Vaßary, so oft Wir, beziehungsweise Unsere Nachfolger längere Zeit in Unserer ungarischen
Hauptstadt verweilen, sowie auch während der öffentlichen Verhandlungen des ungarischen
Reichstages, wenigstens während des größeren Theiles der winterlichen Periode derselben,
ständig in der Hauptstadt Budapest residire." Da bald darauf Budapest einen erz-
bischöflichen Vicar und Bischof erhielt, so wurde die Angelegenheit des Residenzortes von
der Tagesordnung abgesetzt.
Der Primas Claudius Vaßary begaun seine Thätigkeit damit, daß er auf das
Recht des Grauer Brückenzolles, welches jährlich etwa 10.000 Gulden abwarf, zu Guusten
der neuen staatlichen Eisenbrücke verzichtete. Die neue eiserne Brücke, welche den Namen der
Erzherzogin Maria Valerie führt, ruht auf fünf Pfeilern und ist 507 Meter lang, ihr
Bau dauerte ein Jahr und die Eröffnung fand im Jahre 1895 statt. Diese stehende Brücke
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Volume 16
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (4)
- Volume
- 16
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.18 x 21.71 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch