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Verhältnissen ohne heftigere Erschütterungen auf einer ansehnlichen Linie des materiellen
Wohlstandes zu behaupten weiß. Andererseits freilich liegt dies auch daran, daß das
Weißenbnrger Comitat hinsichtlich der landwirthschastlichen Fachkeuntuisse auf einem sehr
hohen Niveau steht.
Der systematische Wirthschaftsbetrieb und die Verbreitung von landwirthschastlichen,
sowie anderweitigen Kenntnissen sind dadurch wesentlich gefördert und erleichtert, daß
die Bevölkerung in größeren Gemeinden beisammenwohnt; unter den 90 Gemeinden
des Comitats gibt es nur 15 mit weniger als 700 Einwohnern, vielmehr entfallen im
Durchschnitt 1900 Seelen auf die Gemeinde. Noch günstiger aber für die Verbreitung
wirthschaftlicher Fachkenntnisse ist der Umstand, daß das Comitat eine nnverhältnißmäßig
große Zahl von Herrschastsgütern auszuweisen hat, welche, den höheren Anforderungen
entsprechend bewirthschaftet, als ebenfoviele Musterwirthschaften ein belehrendes Beispiel
geben. Die große Anzahl von höher gebildeten Wirthschaftsbeamten, die Menge von
ständig angestelltem und gehörig geschultem landwirtschaftlichem Dienstpersonal sind
lauter Factoreu der Ausbreitung landwirtschaftlicher Fachkenntnisse. Dazu kommt noch,
daß das Weißenburger Comitat eine sehr hervorragende Pächterklasse und verhälluißmäßig
sehr viele landwirthschastliche Taglöhner besitzt, was für die rationelle Cultur und ein-
trägliche Nutzbarmachung des Bodens von großem Vortheil ist.
Im ganzen Lande machen die Wirthschaftsbeamten 0 26 Procent, die Dienstlente
14 93 Procent, die Taglöhner 7 93 Procent der landwirthfchastlich Beschäftigten aus,
während im Weißenbnrger Comitat die Verhältnißzahl der Wirthschaftsbeamten 0 60 Pro-
cent, die des landwirthschastlichen Dienstpersonales 30 11 Procent und die der Taglöhner
10 01 Procent beträgt.
Größere Herrschaftsgüter gibt es in allen Theilen des Comitats und außer dem
rationellen Ackerbau wird auch eine hochentwickelte Viehzucht betrieben. Früher war die
Schafzucht allgemein und hatte an Quantität und Qualität fast keine Concnrrenz zu
fürchten, sie bildete die Hauptertragsquelle der Herrschaften. Die Schaszüchtereien
befaßten sich im Allgemeinen mit den edleren Raccn und die edelsten Exemplare des
Merinoschafes wurden zu Tausenden gezüchtet. Man rechnete ein Schaf auf jedes Joch
einer wohlinstrnirten Herrschaft, doch gab es welche mit noch größerem Schafbestand.
Die gesunden Ställe, die fachkundigen Leiter und das wohlgeschulte Dienstpersonal standen
nicht nur für Ungarn auf der höchsten Stufe, sondern konnten sich auch mit Allem messen,
was derartige Betriebe Frankreichs und Englands boten; dagegen blieben diese Länder an
Güte der Zucht uud Stärke des Bestandes weit zurück. Jene Schäferklasse, deren einziger
Beruf diese Zucht war, hatte sich unter der Leitung ausländischer, namentlich in Deutschland
angeworbener Fachleute gebildet und so hoch entwickelt.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Volume 16
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (4)
- Volume
- 16
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.18 x 21.71 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch