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Die Schäfer bilden eine ganz besondere Classe des Dienstpersonals und haben auch
in ihrer Kleidung manches Unterscheidende. Während die übrigen sich dunkelblau kleiden,
tragen sie meistens braune Dolmänys und Westen, dazu Hüte mit breiterer Krämpe und
spitzem Deckel. Selbst im Sommer sieht man sie nie ohne den umgehängten weißen Szür,
dessen linker Ärmel zugebunden ist. Vorne hängt ihnen am Halse ein Schnappsack aus
haarigem Lammfell, darin haben sie ihre Lebensrnittel. Im Sommer weilen sie den ganzen
Tag auf der Weide, im Winter, mit der Fütterung und um die werfenden Thiere beschäftigt,
den ganzen Tag in den Schafställen und Hürden, ohne jede Abwechslung an Fest- und
Wochentagen gleichmäßig in Anspruch genommen, so daß sie selbst an den höchsten Feier-
tagen nicht zur Kirche gehen können. Nur um Michaeli habeu sie alljährlich drei Tage
Urlaub, während welcher Zeit ihre Arbeit in der Schäferei durch andere landwirthfchaftliche
Dienstleute besorgt wird. Da strömen sie aus dem ganzen Comitat in Stuhlweißenburg
zusammen, lassen sich dort eine besondere Messe lesen und verjubeln ihre drei Tage; wenn
sie ihren Dienst wechseln, verdingen sie sich jetzt anderweitig, wenn sie aber auf dem
alten Platze bleiben, treten sie dort pünktlich am Abend des dritten Tages wieder an, um
sich mit erfrischter Kraft ihrem Berufe hinzugeben.
Der überseeische Wettbewerb und besonders die Vervollkommnung der Maschinen,
die auch aus weniger feiner Wolle vollkommenere und gefälligere Gewebe herzustellen
vermögen, waren von empfindlicher Rückwirkung auf den Preis der Wolle nnd zumal
der feinen Sorten, und dies brachte auch die Schafzucht in große Bedrängniß. Sie wurde
immer mehr eingeschränkt, so daß von den großen Schafzüchtereien nur noch Überreste
bestehen, und wenn man sie nicht völlig eingehen läßt, so ist dies nicht ihrer Einträglichkeit,
sondern hauptsächlich dem zuzuschreiben, daß das in die kostspieligen Einrichtungen und
die Thiere iuvestirte Capital nicht zu Geld gemacht werden kann, andrerseits aber der nur
zu diesem Zwecke geeignete kurznarbige Weidegrund blos durch Schafe verwerthbar ist.
Allein die Schafzucht verliert fortwährend an Boden. Nach den im Jahre 1881 gemachten
Erhebungen belief sich damals die Zahl der Schafe im Comitate noch auf mehr als
457.000 Stück und bedeutete einen Werth von über 4 Millionen Gulden, was nahe an
29 Procent des auf 14'/- Millionen geschätzten Viehbestandes ausmachte und, wenn
man von den Zugthieren und den zum Haushalte gehörigen Schweinen absieht, den
größten Theil der laudwirthschaftlichen Nutzthiere darstellte. Seither hat sich die Lage
wesentlich geändert; vou der Schafzucht geht man zur Hornviehzucht über und wendet
der auch sonst blühenden Pferdezucht besondere Aufmerksamkeit zu. Die Pferdezucht hat
auf einzelnen Herrschaften eine sehr hohe Stufe erreicht und zeichnet sich nicht blos
durch edles, werthvolles Zuchtmaterial, sondern auch durch die gute Dressur der
Pferde aus. Im Kreise der kleinen Landwirthe hebt sich diese Zucht erst seit kurzem,
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (4), Volume 16
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Ungarn (4)
- Volume
- 16
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1896
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.18 x 21.71 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch