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besorgen mußte, daß sein Tod Polen in das größte Verderben stürzen könne, drängte er auf
eine Scheidung seiner Ehe mit Katharina, und da sich die Curie dazu nicht herbeiließ, war
er einen Augenblick nahe daran, mit Rom vollständig zu brechen. Es fanden sich aber
bereits Männer in Polen, welche die katholische Gegenreformation anzubahnen wagten.
Vor allem die Bischöfe Mar t in Kromer und S tan i s l aus Hosins, einer von den dem
Tridentiner Concil präsidirenden Cardinälen. Zu ihnen gesellte sich der päpstliche Nnntins
Conimendone, dem es auch gelang, den König von der beabsichtigten Ehescheidung
abzubringen. Der letztere war es auch, der die Beschlüsse des Tridentiner Concils nach
Polen brachte und sich rühmen konnte, die schwankenden Gemüther der polnischen Bischöfe
aufgerichtet und eine katholische Partei in Polen organifirt zu haben. Die Protestanten,
die sogenannten Dissidenten, fortan sowohl durch die Stärkung der katholischen Partei
als auch durch innere Uneinigkeit bedroht, schlössen im Jahre 1570 zu Saudomir (mit
Ausschluß der Ariauer) eine Union lind verlangten staatliche Anerkennung und Maß-
regelung der Ariauer. Beides wurde ihnen versagt und es wurde an dem Principe der
vollkommenen Glaubensfreihei t festgehalten, welche jetzt der katholischen Kirche den
meisten Nutzen versprach.
Das Zustaudekommen der Realunion mit Lithauen erforderte viel Anstrengung
und vorbereitende Schritte. Allerdings ging das XVl. Jahrhundert an Lithauen nicht
ohne Einwirkung, vorüber. Die polnische hnnianistische Cultur eroberte nicht nur die
eigentlichen Lithauer, deren Adel sich vollständig pvlouisirte, sondern sie rang auch nicht
ohne merklichen Erfolg mit der byzantinischen Cultur der Rutheueu, welche jetzt, seitdem
die Türken sich Constantinopels bemächtigt hatten, sich im Zustande völligen Verfalles
befand. Bereits im Jahre 1530 gelang es Sigismund I., für Lithauen ein besonderes
Gesetzbuch zu schaffen, an welchem Polen mitgearbeitet hatten und das viele Institutionen
des polnischen, des deutschen und des römischen Rechtes enthielt. Sigismund August berief
uuu den lithauischen Reichstag und setzte auf demselben im Jahre 1566 eine gründliche
Revision dieses Gesetzbuches im fortschrittlichen Geiste durch. Polnische Institutionen
wurden in noch größerem Maße nach Lithauen verpflanzt, der mittlere Adel vielfach
emaneipirt und znm politischen Leben zugelassen. In diesem Adel gewannen die Polen den
mächtigsten Bundesgenossen für das Werk der beabsichtigten Realunion, denn erst diese
verhieß dem Adel in den lithauischen und rnthenischen Ländern eine vollständige Gleich-
stellung mit dem polnischen Adel in Bezug aus seine politischen Rechte. Widerstand leisteten
nnr die Magnaten, welche an der Selbständigkeit des lithauischen Staates hingen, weil
dieselbe ihnen einen größeren politischen Einfluß und den Besitz wichtiger Kronämter
verbürgte. Dieser Widerstand wurde jedoch durch einen theilweisen Kompromiß auf dem
gemeinsamen Reichstage von Lnblin im Jahre 1569 beseitigt. Die südlichen Provinzen des
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Galizien, Volume 19
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Galizien
- Volume
- 19
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1898
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 16.48 x 22.34 cm
- Pages
- 920
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch