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12./24. und 18./30. August, das ist am Maria-Entschlafungstage. Sie beschließen aber
dieselben niemals in Fröhlichkeit mit Tanz, Musik und Gesang. Sie halten noch heute an
einer uralten, heidnischen genannten Sitte fest, indem sie an gewissen Feiertagen
im Jahre Ochsen und Schafe schlachten und das Fleisch unter Arme vertheilen. Vor der
Abschlachtnng wird diesen Thieren vom Priester etwas geweihtes Salz verabreicht. Diese
Opfersitte ist eigentlich die Fortsetzung der von den Armeniern vor ihrer Bekehrung zum
Christenthume der heidnischen Göttin Anahid dargebrachten Opfer; die an sich humane
Sitte wurde auch nach der Bekehrung der Armenier von der Priesterschaft geduldet, zumal
der letzteren das Fett und die Häute der geschlachteten Thiere zufielen. Die Anschaffungs-
kosten der Opferthiere werden durch Sammlungen oder von reichen Privaten bestritten.
Die Feiertage der Armenier fallen mit denen der Griechifch-Orientalen zusammen,
nur daß sie die Geburt und die Erscheinung Christi an einem und demselben Tage, am
6./18. Januar zusammenfeiern. Das Maria Lichtmeß-, Verkündigungs- und Opferungsfest,
dann das Anna-Verkündigungsfest begehen sie um 12 Tage vor den Griechisch-Orieutalen
und feiern am siebenten Sonntage nach Ostern noch ein zweites Palmfest. Ihre Fasten sind
ähnlich denen der Orthodoxen, die Wochenfasten aber endigen gewöhnlich Freitag abends.
Das armenische Volk glaubt, daß sich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag
vor Christi Himmelfahrt der Himmel öffne. Wer diese Nacht wachend zubriuge und sündenlos
sei, dem zeige sich Gott und erfülle alle seine Wünsche. Am Vorabende des Christi Himmel-
fahrtsfestes veranstalten Frauen und Mädchen, um zu erfahren, wessen Wünsche in
Erfüllung gehen werden, eine Art Pfänderspiel: die Mädchen legen Ringe, Ohrgehänge ?c.
in einen tiefen Teller, den man mit Wasser füllt, in welches man sodann Blumen streut.
Das Ganze wird sodann mit einem reinen Tuche zugedeckt und bleibt so bis zum zweiten Tage
stehen. Am Himmelfahrtsnachmittage nun versammeln sich Frauen und Mädchen. Nachdem
ein Wunsch ausgesprochen worden, greift ein Mädchen mit verbundenen Augen in den Teller
und zieht ein Pfand heraus, worauf dasselbe vorgewiesen wird, und die Eigenthümern:
sich melden muß. Da umringt man dieselbe und überhäuft sie mit Glückwünschen, fest
glaubend, daß der ausgesprochene Wunsch an ihr in Erfüllung gehen werde.
Die Armenier benennen sich nach ihrem Stammvater Haik. Sie sind
gewöhnlich von mittlerer Höhe und robustem Körperbau. Der Kopf ist mittelgroß, schwarz
behaart; dem mit schwarzem Barte umrahmten oder glattrasirten Gesichte gewähren
große, dunkle Augen und eine Adlernase sein Gepräge. Ihre Gesichtsfarbe ist mehr blaß
als dunkel, doch gibt es, freilich selten, auch blonde Armenier. Erwähneuswerth ist es, daß
man unter denselben niemals Blatternarbige vorfindet.
Ihre Lebensweise ist einfach und keusch und ihre Nüchternheit sprichwörtlich. Sie
führen ein patriarchalisches Familienleben; die Reichen verkehren intim auch mit ihren
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Bukowina, Volume 20
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Bukowina
- Volume
- 20
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1899
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.14 x 21.77 cm
- Pages
- 546
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch