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verschiedensten Trachten und Typen. — Ist nun derart der Handel mit den hausindnstriellen
Erzeugnissen und Naturprodukten ein sehr reger und der zu Markte gebrachten Waaren eine
große Menge, so muß man doch im Allgemeinen sagen, daß dieselben eigentlich, was speciell
die hausindustriellen Gegenstände anbelangt, durchaus nicht für den Verkauf erzeugt,sondern
im Gegentheil fast ausschließlich zu eigenem Gebrauche verwendet werden, oder, falls nicht
verwendet, in der Stube auf hölzernen Gestellen aufgestapelt zur Schau dienen und von
der Wohlhabenheit des Besitzers Zeugniß ablegen sollen. Übrigens bilden diese Vorräthe
gleichzeitig auch einen wesentlichen Theil der Mitgift für die zu verheiratenden Töchter,
wobei wie überall so auch hier, das Mehr oder Minder zumeist eine ziemlich bedeutende
Rolle spielt.
Der Neu- oder Umbau eines Hauses, Vergrößerung der Stallung, der Ankauf eines
Viehstückes, wohl auch eine schlechte Ernte, der Mangel an Saatkorn oder der näher
rückende Steuertermin sind es allenfalls, welche zu einer theilweisen Veräußerung dieser
im Hause befindlichen Schätze zwingen können. Nur wenige und zwar zumeist die Ärmsten,
denen das kleine Fleckchen Erde, das sie ihr Eigen nennen, nicht den nöthigen Lebens-
unterhalt bieten kann, arbeiten direct für den Verkauf oder wohl auch derart, daß ihnen
von der wohlhabenden Nachbarin Flachs, Wolle oder Hanf zum Weben geliefert wird,
der sie dann das fertige Prodnet gegen ein gewisses Entgelt für die Arbeit zu übergeben
haben. Wie wenig übrigens bei Herstellung dieser Objecte und speciell der Teppiche an
einen Verkauf derselben gedacht wird, mag aus der Thatsache erhellen, daß die Bäuerin
selbst in den seltensten Fällen im Stande ist, den Werth derselben richtig zu schätzen und
für ihre dabei angewendete Mühe und Arbeit ihr absolut jeder Maßstab fehlt; im Falle
der Noth gibt sie dieselben um einen Spottpreis her, der kaum das Rohmaterial deckt,
während zu anderer Zeit wieder ihr kein Preis hoch genug dünkt.
Der weitaus verbreitetste Zweig der hausindustriellen Beschäftigung ist die Weberei;
sie wird, allerdings in mehr oder minder ausgedehntem Maße, von allen Volksstämmen
des Landes betrieben, und welches Dorf auch immer man besuchen mag, fast in jeder
Hütte findet sich der Webstuhl (rumänisch stativä, ruthenisch krosna). Wenn der Kukurutz
eingeheimst, die Kürbisse eingekellert und Haus und Hof für die lange Winterszeit versorgt
sind, dann wird der Webstuhl, der den Sommer über zumeist in einer Kammer zur Linken
des Hansflures oder wohl auch in einem hölzernen Schuppen sich befindet, in die warme
Stube hineingeschafft und nun unverdrossen und je nach Zeit und Muße von Mutter oder
Tochter emsig Faden an Faden gereiht, bis die wärmende Frühlingssonne wieder zu
anderer Thätigkeit, zur neuerlichen Bestellung von Garten und Feld ins Freie ruft. Dann
wandert wohl der Webstuhl wieder in die Kammer, wird jedoch anch im Sommer, wenn
die Aussaat bestellt ist oder bei der Feldbearbeitung eine Stunde erübrigt werden kann,
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Bukowina, Volume 20
- Title
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Subtitle
- Bukowina
- Volume
- 20
- Editor
- Erzherzog Rudolf
- Publisher
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Location
- Wien
- Date
- 1899
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 15.14 x 21.77 cm
- Pages
- 546
- Keywords
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Categories
- Kronprinzenwerk deutsch