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Was die erwähnten diplomatischen Verhandlungen be-
trifft, so erging an den Botschafter Lobanoff die Weisung,
sich über die absolut ungerechtfertigte und unmotivierte
Ausweisung eines russischen Untertans zu beschweren
und darauf zu dringen, daß ähnliche Fälle in Zukunft un-
möglich gemacht werden. Lobanoff hob hervor, daß, wenn
eine schuldbare Außerachtlassung irgend einer Vorschrift
vorliege, dieselbe nur dem österreichischen Generalkonsulat
in Petersburg zur Last zu legen sei; nachdem dieses das
Vidi für überflüssig erklärte, durfte RjäsanQff es auch für
überflüssig halten und sich darauf verlassen, daß er nicht
schikaniert werden würde. Lobanoff beklagte sich weiter,
daß die österreichisch-polnischen Behörden überhaupt in
der Schikanierung russischer Untertanen kein Ziel kennen.
Er erinnerte bei dieser Gelegenheit abermals an die Unge-
hörigkeit, daß beim Beginn der Untersuchung im Ruthe-
nenprozesse Steckbriefe gegen hochangesehene russische
Professoren, wie Budilowicz und Polmow erlassen worden
waren (damals hatten die russischen Vorstellungen in
Wien den Erfolg, daß die Steckbriefe zurückgezogen wur-
den). Solche Ungehörigkeiten kämen allzuviele vor, als
daß man an die Ungeschicklichkeit der amtierenden Per-
sonen glauben könnte; in dieser regelmäßigen Wiederkehr
zeige sich unverkennbar das polnische System gegen Ruß-
land. Werde dem nicht gesteuert, so werde sich die russi-
sche Regierung zu Gegenmaßregeln genötigt sehen, wie
zum Beispiel daß den russischen Konsulaten in Wien und
Brody die Weisung erteilt werde, österreichischen Polen,
die nach Rußland reisen wollen, ebenfalls die Vidi zu ver-
weigern. (Notabene gibt es noch andere Retorsionsmittel:
1st auch der Paß in schönster Ordnung, so wird er unter
dem Vorwand zurückbehalten, daß man seine Echtheit
prüfen, daß man sich über die Person des Reisenden in
punkto Nihilismus doch noch nähere Kenntnis verschaffen
müsse etc. etc.)
Die Unterhandlungen sind gegenwärtig noch im Zuge
und wie es heißt, werden sie von russischer Seite so ge-
führt, daß an einen baldigen ruhigen Abschluß der Affäre
nicht geglaubt werden kann. Es soll eben eine „Affäre"
daraus gemacht werden.
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Kronprinz Rudolf
Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
- Title
- Kronprinz Rudolf
- Subtitle
- Politische Briefe an einen Freund 1882-1889
- Author
- Julius Szeps
- Publisher
- Rikola Verlag
- Location
- Wien - München - Leipzig
- Date
- 1922
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.6 x 19.54 cm
- Pages
- 246
- Keywords
- Habsburger, Österreich-Ungarn, Monarchie
- Categories
- Geschichte Vor 1918