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Zur Regelung des alltäglichen Zusammenlebens wird in den Einrichtungen
weniger auf gegenseitiges Vertrauen und stabile Beziehungen als auf die
Durchsetzung verbindlicher Regeln und Ordnungen gesetzt. Die jungen Men-
schen erleben diese Regeln oft als starr, unangemessen und fremdbestimmt und
bilden demgegenüber ein Streben nach Eigenverantwortung, Autonomie und
Selbstbestimmung aus, was zu Konflikten in den Einrichtungen oder zu Ein-
richtungswechseln führt. Der damit verbundene Wunsch nach Unabhängigkeit
von den Einrichtungen der Jugendhilfe verstärkt die Beschränkung des Hori-
zonts auf mittlere Bildungswege. Peers in Form von Freundschaften, Partner-
schaften und Jugendcliquen erscheinen in dieser Situation als konstanter, Sta-
bilität und Beziehungssicherheit gewährender Faktor. Zugleich sind Peers die-
jenigen, die am ehesten zum Einschlagen weiterführender Bildungswege er-
mutigen. Auch in der quantitativen Studie zeigt sich, dass Peers – unabhängig
von ihrer sozialen Angepasstheit – die bedeutendste Ressource für den Bil-
dungserfolg darstellen.
Die Orientierung am Sich-Einrichten im beschränkten sozialen Raum
kommt vor allem dann zum Vorschein, wenn die jungen Menschen an gestell-
ten Anforderungen scheitern und ein Desengagement im Hinblick auf gesell-
schaftliche Leistungserwartungen entwickeln. Diese jungen Menschen verhar-
ren dann entweder in einer Situation des Versorgt-Werdens, in der sie keine
Handlungsoptionen sehen, mit denen sie sich aus ihrer als misslich wahrge-
nommenen Lage befreien können, oder sie entwickeln ein mehr oder weniger
selbstgenügsames Sich-Arrangieren mit der Situation, bei der sie sich inner-
halb eines beschränkten sozialen Raums bewegen. In der Regel resultiert diese
Orientierung aus sich kumulierenden negativen Erfahrungen und belastenden
Lebensereignissen, während kaum stabilisierende Ressourcen und Formen der
Unterstützung vorhanden sind (für eine detaillierte Darstellung vgl. Groinig et
al. 2019).
Konsequenzen
In unserer Studie wird wie in anderen internationalen Studien (z.B.
Stein/Munro 2008; Köngeter/Mangold/Strahl 2016) sichtbar, dass Care Leaver
im Hinblick auf ihre biographischen Erfahrungen, ihre Bewältigungsressour-
cen und ihre bildungsbezogenen habituellen Orientierungen keine homogene
Gruppe darstellen. Unterstützungsangebote müssen dementsprechend die je-
weiligen individuellen Bedürfnisse, Lebenssituationen und habituellen Orien-
tierungen berücksichtigen. Um jungen Menschen mit Jugendhilfeerfahrung ge-
rechte Chancen zu bieten ihre Bildungspotenziale zu entfalten, bedarf es dar-
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book Lernprozesse über die Lebensspanne - Bildung erforschen, gestalten und nachhaltig fördern"
Lernprozesse über die Lebensspanne
Bildung erforschen, gestalten und nachhaltig fördern
Veröffentlicht mit Unterstützung der Fakultät für Kulturwissenschaften der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
- Title
- Lernprozesse über die Lebensspanne
- Subtitle
- Bildung erforschen, gestalten und nachhaltig fördern
- Authors
- Monika Kastner
- Jasmin Donlic
- Barbara Hanfstingl
- Editor
- Elisabeth Jaksche-Hoffman
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-3-8474-1467-4
- Size
- 14.7 x 21.0 cm
- Pages
- 190
- Category
- Lehrbücher