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Rita Perintfalvi | LGBTIQ-Menschen als Zielscheiben rechtspopulistischer und fundamentalistischer Angriffe
den Akt des Budapester OberbĂŒrgermeisters auf HĂr TV: âWenn jemand mit
einer Behinderung geboren wird, ist er krank. Man soll erkennen, dass es
um eine Krankheit geht. Wir mĂŒssen das offen aussagen! Er kann ein wert-
volles Leben fĂŒhren, aber er muss geheilt werden.â5 (Ăbersetzung R. P.).
Der römisch-katholische Priester ZoltĂĄn Osztie und frĂŒhere PrĂ€sident des
Verbandes der Christlichen Intellektuellen (KeresztĂ©ny ĂrtelmisĂ©giek SzövetsĂ©-
ge, KĂSZ) ging mit seiner Hassrede gegen LGBTIQ-Menschen noch weiter:
âHomosexualitĂ€t ist nicht angeboren, sondern sie ist eine Art Krankheit,
AbnormitÀt. Wenn ein gleichgeschlechtliches Paar ein Kind erzieht, dann
wird es zu einem Torsoâ6 (Ăbersetzung R. P.).
5 Fazit
Eine exklusiv binaÌr-geschlechtliche Grundkonfiguration des Menschen,
also die Vorstellung zweier dichotomer Idealgeschlechter, wie man sie
auch im Text der ungarischen Verfassung findet, fĂŒhrt zur gesellschaft-
lichen Ausgrenzung intersexueller Menschen.
Da das binĂ€re GeschlechterverstĂ€ndnis fĂŒr die menschliche Selbst- und
Weltwahrnehmung aufgrund von Kultur und Sozialisation elementar ist,
ist es als solches tief im Alltagsbewusstsein verankert. Deswegen wird die-
ses VerstĂ€ndnis von Geschlecht als vermeintlich natĂŒrlich oder âvon Gott
gewolltâ â und damit absolut unbestreitbar â immer wieder argumenta-
tiv in unterschiedliche politische, ethisch-normative oder religiös-fun-
damentalistische Debatten eingebracht. Die Vorstellung von Geschlecht
und der daran orientierte Gesellschaftsentwurf der Rechtspopulist*innen,
der nun bereits in der Verfassung Ungarns verankert ist und anstatt mit
fachpolitischen Argumenten religiös-biblisch begrĂŒndet wird, fĂŒhren fĂŒr
intersexuelle Menschen zur gesellschaftlichen Ausgrenzung und zur tie-
fen Verletzung ihrer MenschenwĂŒrde, wenn diese normierte Geschlechts-
identitĂ€t zu einer âkulturellen Voraussetzung des Menschseinsâ (Butler
2013, 66) wird. Dadurch wird âeine bestimmte Auffassung von geschlecht-
licher IdentitĂ€t zur Voraussetzung legitimen, nicht-korrekturbedĂŒrftigen
Menschseins erhobenâ (Krannich 2016, 24). Demzufolge wird es immer
Menschen geben, die diese Voraussetzungen nicht erfĂŒllen können. Sie
Die Vorstellung zweier dichotomer Idealgeschlechter fĂŒhrt
zur gesellschaftlichen Ausgrenzung intersexueller Menschen.
5 Die vollstÀndige TV-Diskussion
findet sich unter: https://humenon-
line.hu/a-melegek-gyogyulasra-
szorulnak-a-gorogkatolikus-ersek-
szerint/ [16.01.2021].
6 Das TV-Interview mit dem ka-
tholischen Priester ZoltĂĄn Osztie
kann nachgehört werden unter:
https://www.klubradio.hu/adasok/
katolikus-pap-nem-belyegzem-
meg-a-buzikat-de-betegek-es-
provokativ-az-eletformajuk-113741
[16.01.2021].
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 4:1
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 4:1
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 224
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven