Seite - 173 - in Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 4:1
Bild der Seite - 173 -
Text der Seite - 173 -
173 | www.limina-graz.eu
Rita Perintfalvi | LGBTIQ-Menschen als Zielscheiben rechtspopulistischer und fundamentalistischer Angriffe
den Akt des Budapester Oberbürgermeisters auf Hír TV: „Wenn jemand mit
einer Behinderung geboren wird, ist er krank. Man soll erkennen, dass es
um eine Krankheit geht. Wir müssen das offen aussagen! Er kann ein wert-
volles Leben führen, aber er muss geheilt werden.“5 (Übersetzung R. P.).
Der römisch-katholische Priester Zoltán Osztie und frühere Präsident des
Verbandes der Christlichen Intellektuellen (Keresztény Értelmiségiek Szövetsé-
ge, KÉSZ) ging mit seiner Hassrede gegen LGBTIQ-Menschen noch weiter:
„Homosexualität ist nicht angeboren, sondern sie ist eine Art Krankheit,
Abnormität. Wenn ein gleichgeschlechtliches Paar ein Kind erzieht, dann
wird es zu einem Torso“6 (Übersetzung R. P.).
5 Fazit
Eine exklusiv binär-geschlechtliche Grundkonfiguration des Menschen,
also die Vorstellung zweier dichotomer Idealgeschlechter, wie man sie
auch im Text der ungarischen Verfassung findet, führt zur gesellschaft-
lichen Ausgrenzung intersexueller Menschen.
Da das binäre Geschlechterverständnis für die menschliche Selbst- und
Weltwahrnehmung aufgrund von Kultur und Sozialisation elementar ist,
ist es als solches tief im Alltagsbewusstsein verankert. Deswegen wird die-
ses Verständnis von Geschlecht als vermeintlich natürlich oder ‚von Gott
gewollt‘ – und damit absolut unbestreitbar – immer wieder argumenta-
tiv in unterschiedliche politische, ethisch-normative oder religiös-fun-
damentalistische Debatten eingebracht. Die Vorstellung von Geschlecht
und der daran orientierte Gesellschaftsentwurf der Rechtspopulist*innen,
der nun bereits in der Verfassung Ungarns verankert ist und anstatt mit
fachpolitischen Argumenten religiös-biblisch begründet wird, führen für
intersexuelle Menschen zur gesellschaftlichen Ausgrenzung und zur tie-
fen Verletzung ihrer Menschenwürde, wenn diese normierte Geschlechts-
identität zu einer „kulturellen Voraussetzung des Menschseins“ (Butler
2013, 66) wird. Dadurch wird „eine bestimmte Auffassung von geschlecht-
licher Identität zur Voraussetzung legitimen, nicht-korrekturbedürftigen
Menschseins erhoben“ (Krannich 2016, 24). Demzufolge wird es immer
Menschen geben, die diese Voraussetzungen nicht erfüllen können. Sie
Die Vorstellung zweier dichotomer Idealgeschlechter führt
zur gesellschaftlichen Ausgrenzung intersexueller Menschen.
5 Die vollständige TV-Diskussion
findet sich unter: https://humenon-
line.hu/a-melegek-gyogyulasra-
szorulnak-a-gorogkatolikus-ersek-
szerint/ [16.01.2021].
6 Das TV-Interview mit dem ka-
tholischen Priester Zoltán Osztie
kann nachgehört werden unter:
https://www.klubradio.hu/adasok/
katolikus-pap-nem-belyegzem-
meg-a-buzikat-de-betegek-es-
provokativ-az-eletformajuk-113741
[16.01.2021].
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 4:1
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 4:1
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 224
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven