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Larissza Hrotkó | Durchbruch des Fundamentalismus? Eine neues Gesicht der Orthodoxie im Judentum Ungarns
dischen Glaubensgemeinschaften Ungarns) nahm allerdings sofort eine eher
orthodoxe Richtung ein, weil Schulchan Aruch wieder zur maßgeblichen
Richtlinie jüdischer Verhaltensweisen erklärt wurde (vgl. Bóka B. 2019). Die
Liturgie wurde strenger: Der gemischte Chor aus Frauen und Männern, der
bisher die Kantoren begleitete, wurde in den meisten Synagogen aufgelöst.
In einigen neologen Synagogen wurde sogar die Mechize (der Vorhang für
die Trennung der Geschlechter) eingeführt. Die damals 40- bis 50-jährigen
Rabbiner und einige autoritäre Glaubensbrüder begrüßten diese Änderun-
gen aus frischerworbener Traditionstreue, obwohl sie diese Tradition in
Ungarn tatsächlich nie erlebt hatten (vgl. Gutmann 1913, 17).
3 Die Chabad Gemeinschaft als Neo Orthodoxie
im gegenwärtigen Judentum Ungarns
Heute ist das religiöse Klima im neologen Judentum Ungarns wieder wech-
selhaft: mal setzen sich die modernen Ideen durch, mal kommt es zu einer
erneuten orthodoxen Verhärtung. Diese Dualität könnte zum Teil damit er-
klärt werden, dass es für die ungarischen Jüdinnen wichtig ist, eine ‚gute
Jüdin‘ zu sein. Die ‚gute Jüdin‘ bleibt dem Jüdischen immer treu, was be-
deutet, dass sie alles so macht wie ihre Mutter und ihre Großmütter, ob-
wohl sie die Bräuche nicht mehr versteht. Auch wegen dieses psychischen
Drucks, die alten religiösen Bräuche richtig zu pflegen, gehen mehr Jüdin-
nen in die neo-orthodoxen Synagogen von Chabad Lubawitsch als in die
progressive Gemeinschaft Ungarns. Die traditionelle ungarisch-jüdische
Orthodoxie ist für die Mehrzahl der heutigen Jüd*innen nicht mehr attrak-
tiv, denn sie legen Wert auf eine gewisse Modernität, zeitgemäße Bequem-
lichkeit, gutes Essen und ein zuvorkommendes Verhalten des Rabbiners,
und auf den ersten Blick bekommen sie das alles bei Chabad. Äußerlichkei-
ten spielen in der Religion eine große Rolle.
Die progressiven bzw. Reform-Gemeinschaften können mit Chabad nicht
konkurrieren, weil sie finanziell schwächer sind. Darüber hinaus erwarten
die Progressiven ein bewusstes und aktives Mitfeiern der Liturgie, was die
meisten Jüd*innen aufgrund mangelnder Kenntnisse und zu wenig reli-
giöser Selbständigkeit stört. Denn die ungarischen Jüd*innen sind es nicht
Viele legen Wert auf eine gewisse Modernität, zeitgemäße Bequemlichkeit,
gutes Essen und ein zuvorkommendes Verhalten des Rabbiners.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 4:1
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 4:1
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 224
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven