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Larissza Hrotkó | Durchbruch des Fundamentalismus? Eine neues Gesicht der Orthodoxie im Judentum Ungarns
Frauen in der Chabad-Presse oder die Herausgabe theologischer Arbeiten
von Frauen.
Das macht die Chabad-Gemeinschaft auch für Akademikerinnen attrak-
tiv. Für Jüdinnen ohne akademische Bildung oder für solche, die sich keine
großen persönlichen Veränderungen bzw. progressiven Reformen in der
jüdischen Gesellschaft wünschen, ist diese Gemeinschaft bequem. Auch
deshalb gehen viele Jüdinnen zur neo-orthodoxen Gemeinschaft, die als
‚authentische‘ Trägerin jüdischer Tradition eine gewisse Stabilität und Si-
cherheit suggeriert.
Die Rabbiner der Chabad-Gemeinschaft erlauben der breiten Mitglieder-
schaft sogar die notwendige Modernität im Umgang und in der Lebenswei-
se, jedoch haben sie die leitenden Positionen in den Körperschaften inne
und damit die ganze Gemeinschaft unter Kontrolle. Die tatsächliche Macht
konzentriert sich in einem engen Kreis von Rabbinern, die darüber ent-
scheiden, wieviel Freiheit den Gläubigen zugestanden wird.
Weil es in der Neo-Orthodoxie keine vorgeschriebenen Mitgliedsbeiträge
gibt, lässt sich die Zahl der Anhänger*innen der Gruppierung nicht genau
erfassen. Jedoch bin ich der festen Überzeugung, dass sie die Zahl der neo-
logen Jüd*innen noch nicht übersteigt. Es stellt sich deshalb die Frage, in-
wieweit die neo-orthodoxe Präsenz die sich als emanzipiertes Judentum
definierende Neologie Ungarns fundamentalistisch beeinflussen könnte.
Zurzeit scheint dieser Einfluss bedrohlich groß zu sein. Ob es sich schon
um einen irreversiblen Durchbruch des Fundamentalismus handelt, wird
die Zukunft zeigen. Der Weg zur Überwindung einer fundamentalistischen
Wende führt jedenfalls über die Stärkung der eigenen Identität und eine
vielseitige – nicht nur formale – Beteiligung der Jüdinnen an der Leitung
neologer Gemeinschaften. Nur eine identitätsbewusste, transparente neo-
loge Gemeinschaft, deren Mitglieder in allen Bereichen des religiösen Le-
bens unabhängig von Geschlecht und politischen Ansichten gleichberech-
tigt sind, kann sich in diesem Wettbewerb gegen den Fundamentalismus
durchsetzen.
Wie weit kann die neo-orthodoxe Präsenz das emanzipierte
Judentum Ungarns fundamentalistisch beeinflussen?
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 4:1
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 4:1
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 224
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven